VI. Prinz Eugen von Savoyen. 183
obgleich schwächer, suchte den Kampf beständig. Wie ist dies in Hinsichtauf den Prinzen Eugen zu erklären ? Zu seiner Ehre — wohl nur durch dieoben angeführten Ursachen. Weshalb aber waren Villars und Turenne, beidesMänner ihrer Zeit, dennoch unabhängiger in ihren Meinungen hinsichtlich derWichtigkeit von Festungen und Communicationen, sogar in den Niederlanden'?Wenn sie auch gleichartige französische Armeen befehligten, so befanden siesich anderseits doch in völliger Abhängigkeit von Ludwig XIV. und seineinKriegsminister, die noch mehr unter dem vollen Einflüsse der falschen Kriegs-begriffe und Vorurtheile ihrer Zeit standen. Mit einem Worte, der Prinz Eugenwar in den Niederlanden, so zu sagen, ein ganz anderer Feldherr, als wir ihnin Ungarn gesehen haben, — eine sonderbare Erscheinung und ein schwer zulösendes Räthsel.
Der Feldzug von 1711 war der allerunbedeutendste und das ganze Re-sultat desselben beschränkte sich auf die Eroberung von Boxichain durch dieVerbündeten. Prinz Eugen nahm an demselben keinen Theil, denn in Ver-anlassung des Ablebens des Kaisers Joseph I. (im April) und der Wahl einesNachfolgers musste der Prinz Eugen einige Reisen unternehmen, und dann einaus Flandern herangezogenes kaiserliches Corps von 20,000 Mann in denEttlinger Linien am mittleren Rhein sammeln und dasselbe dort mit den 30,000Mann starken Truppen des Herzogs von Würtemberg vereinigen, um Frank-furt, den Sitz der Reichsversammlung und der Kaiserwahl, gegen 22,000 MannFranzosen unter den Marschällen d'Harcourt und Besson zu decken. Wenn-gleich der Prinz Eugen Ende August mit einem Theile der Streitkräfte in Speierüber den Rhein ging, so entstanden dennoch in Folge dessen gar keine Kiiegs-operationen. Marlborough operirte allein in Flandern, wurde aber in Folge einesMinisterwechsels in England nicht nur abberufen, sondern sogar in Anklage-zustand versetzt, und von da an endete seine politische Laufbahn; Englandaber neigte sich offen zum Frieden mit Frankreich und schloss bereits Friedens-präliminarien ab.
Im Jahre 1712 bemühte sich der Prinz Eugen auf alle mögliche Weisedie Unterhandlungen zwischen England und Frankreich in dieLänge zu ziehen,die holländischen Generalstaaten für den neuen Kaiser Karl VI. zu gewinnenund die kaiserliche Armee in Flandern zu ergänzen und zu verstärken. Ausallen Ursachen und Umständen sah er die Nothwendigkeit, aufs Entschiedensteoffensiv zu operiren, auch hatte ihm der Kaiser dasselbe befohlen und die Um-stände begünstigten ihn besonders, denn der Oberbefehl über die verbündeteArmee war ihm an Stelle Marlborough's anvertraut und die Verbündeten, dieschon in Flandern dreizehn Festungen und befestigte Städte innc hatten,konnten unbehindert und leicht in die französischen Provinzen Artois undPicardie einmarschiren, Boulogne und Calais erobern und dem Kriege eineentscheidende Wendung geben. Aber trotz alledem wählte der Prinz Eugensonderbarer Weise zum Einmarsch nach Frankreich den allerstärksten