VI. Prinz Eugen von Savoyen. 177
gewesen, wenn er alle seine Truppen in Deutschland unter den alleinigen Be-fehl des Prinzen Eugen gestellt hätte, der vereint mit einem ebenso geschick-ten Feldherrn (Marlborough) und mit 100,000 Mann (wie in den Jahren
1646 __1648 Turenne und Wrangel) unzweifelhaft die allerentschiedensten
Vortheile errungen und dem Kriege eine entscheidende Wendung gegebenhätte. Zum Bedauern haben solche Feldherren, wie Turenne, Conde, derPrinz Eugen, Marlborough, Vendome, Villars u. a. m. gross!entheils nichtAlles ausführen können, wozu sie befähigt waren, und dies einzig deshalb, weilsie zur Unzeit durch Rücksichten und Umstände gebunden waren. Und dort,wo der Prinz Eugen durch solche nicht gebunden war uud ganz selbstständighandelte (wie in Ungarn), hat er wohl hinlänglich bewiesen, in wie weit er be-fähigt war, grosse Waffenthaten zu vollbringen. Sogar in der Schlacht beiHöchstädt gebührt die Ehre und der Ruhm des Sieges, der hauptsächlichMarlborough beigelegt worden ist, bei Weitem mehr und richtiger dem PriuzenEugen, denn er erfocht eigentlich den Sieg in dieser Schlacht, die solche ent-scheidende und wichtige Folgen hatte.
Im Jahre 1705 sehen wir den Prinzen Eugen wieder in Italien gegenVeadöme und zwar in einer viel bessern, unabhängigeren Stellung, als 1704in Deutschland. Aber der Feldzug von 1705 in Italien kann für den PrinzenEugen weder für einen glänzenden, noch gelungenen angesehen werden, da ei-sernen Zweck nicht erreichte und den Herzog von Savoyen nicht befreite.Trotzdem gewährte er ihm den Nutzen, dass der ganze Feldzug die Haupt-macht von Vendöme's Armee beschäftigte und vom Herzoge von Savoyen ab-zog , ohne welchen Umstand derselbe völlig erdrückt worden wäre. Ausser-dem hat dieser Feldzug viele interessante Seiten. Um beurtheilen zu können,auf wessen Seite das Uebergewicht einer richtigen Anschauung und Geschick-lichkeit war, sind nur die Handlungen Vendöme's und des Prinzen Eugen zuvergleichen. Der Erste, trotzdem dass er ein begabter Feldherr war, eine anZahl überlegene Armee besass und bei Beginn des Feldzuges Turin erobernund den Herzog von Savoyen erdrücken konnte, vermochte es dennoch nichtsich über die falschen Begriffe und Hegeln seiner Zeit zu erheben und zer-stückelte seine Armee in Besatzungen und zur Belagerung von Festungen. Anseiner Stelle hätte der Prinz Eugen unzweifelhaft anders gehandelt. Alleseine Bewegungen vom Anfange bis zum Ende tragen den Stempel ausserordent-licher Geschicklichkeit in der Erwägung aller Umstände und gänzlicher Frei-heit von der Sorge wegen Errichtung einer Operationsbasis und Sicherstellungseiner Communicationen. Wenn er auch scharfsichtig das Misslingen voraus-sah, so traute er kühn dem Glücke — und das Glück war ihm günstig. Aberausser dem Glücke hatte er noch auf seiner Seite seine persönliche Geschick-lichkeit und eine ausgezeichnete Armee, auf die er sich ganz und gar verlassenkonnte. Wie schwer es ihm auch fiel, seine Armee gehörig mit Proviantaus Mitteln des Landes, wo so oft und lange Krieg geführt worden war, zu
Galitzin, Allgem. Kriegsgeschichte. 111,2. 12