I. Turenne. 141
Belohnung und bat den König, ihm (Turenne) nicht einen so ausgezeichnetenGeneral zu nehmen. Ein zweiter ähnlicher Fall war im Jahre 1656 : Einjunger Obrist, der einen Transport escortirte, entfernte sich von demselbenauf einige Stunden, während welcher Zeit der Feind den Transport überfiel,aber von dem nach dem Oberst ältesten Officier zurückgeschlagen wurde, sodass der Transport wohlbehalten im Lager anlangte. Turenne, der sehr wohlwusste, dass der Obrist hätte unglücklich werden können, und ihn daherschonte, sagte zu der Umgebung: »Der Obrist wird mit mir unzufrieden sein,dass ich ihm einen andern Auftrag gegeben und er somit eine Gelegenheit ver-loren hat, sich auszuzeichnen«. Als der Obrist zurückkehrte, gab er ihm untervier Augen einen strengen, aber wohlwollenden Verweis und rieth ihm, in Zu-kunft vorsichtiger zu sein.
Solch ein beständiges Streben, sich in der Beherrschung seines Willens zuvervollkommnen, konnte nicht ohne Folgen bleiben und, wie man voraussetzenkann, rief dieses Stieben diejenigen Erscheinungen hervor, welche an Turennealler Gerechtigkeit nach zu bewundern sind und welche ihn zum Ideal einesFeldherrn stempeln. In diesem Streben lag niemals kleinlicher Ehrgeiz, undnoch viel weniger Eigennutz. Aller Ehrgeiz hatte zum einzigen Zwecke dieEhre, den Nutzen und Kuhm Frankreichs und seines Königs. Die Wahrheitschätzte er und hielt sie so hoch, dass er niemals Anstand genommen hätte,dieselbe auszusprechen, wenn es nöthig war oder es von ihm gefordert wordenwäre, und er hätte eher seine politische Stellung, Bedeutung und seinen Einfluss,sogar die Gunst des Königs geopfert, als sich dazu entschlossen, dieselbezu verschweigen. Daraus ist es leicht zu begreifen, dass er, der unermüdlichthätige, sich selbst nicht schonende Mann, mit tiefer Scharfsichtigkeit in dieAngelegenheiten der Welt, in Geist und Herzen anderer Leute, besonders inden Charakter und in die Handlungsweise seiner Gegner im Kriege, eindringenkonnte. Die kleinsten Anzeichen waren für ihn genügend, um richtige Folge-rungen über die Aussichten und Absichten der Feinde zu ziehen, wozu ihnausserdem die angeborene Neigung, als auch Gewöhnung an beständiges Nach-denken antrieb.
Seine stete Bescheidenheit und Biederkeit in allen Dingen war ungewöhn-lich. Ausser seinen oben angeführten Aussprüchen : »Wir haben gesiegt«, »Ichbin geschlagen worden« und seinen bittein Vorwürfen über selbstverschuldeteFehler, könnte man noch viele ähnliche anführen, so unter andern: Nach Beendi-gung des Feldzuges vom Jahre 1652, in welchem er die Armee des Erzherzogsund Condes bei jedem Zusammentreffen geschlagen und den Feldzug durch denglänzenden Entsatz von Arras gekrönt hatte, schrieb er über diese Erfolge Folgen-des : »Heute sind mehr Gefangene gemacht worden, als man früher glaubte. DerHerr Erzherzog rettete sich mit 200 Mann Keiterei; der Herr Prinz Conde zogsich in grosser Ordnung zurück, nahm aber weder Geschütze noch den Trainmit. Er fand eine so grosse Unordnung, dass er derselben nicht abhelfen