138 Beilagen.
und beim Gelingen. Turenne konnte nicht so frei handeln wie Hannibal,hatte aber immer seine Pflicht dem Könige gegenüber im Auge; allein inFällen, wenn dieselbe Pflicht ihn bewog, den Befehlen des Königs selbst sichzu widersetzen, folgte er ohne zu schwanken seiner eigenen Eingebung, wiez. B. am Ende der Feldzüge in den Jahren 1672 und 1674. Und es ist schwerein Beispiel zu finden, dass ein Feldherr, der selbst nicht ein Herrscher, mitgrösserer Freiheit gehandelt hätte, als Turenne in ähnlichen Fällen. JuliusCäsar bei Ruspina und Gustav Adolph bei Werben hatten bedeutend mehrHülfs-mittel, Turenne aber nur Charakterstärke und Glück. In Nachsichtigkeit warer, dem Hannibal ähnlich, das grösste Muster. Bei allen den grossen Feld-herren gemeinsamen Eigenschaften hatte er noch den Vorzug einer Kaltblütigkeitim Combiniren, die dem Feuer der Ausführung schroff gegenüberstand. Seinepersönliche Theilnalnne an den Kämpfen war niemals eine eilfertige und über-eilte, wie z. B. oft bei Alexander dem Grossen und Gustav Adolph; er hand-habte das Schwert, wie ein Führer der Armee es tragen muss, und wenn er sichnicht schonte, so war es nur in den entscheidenden Augenblicken des Kampfes.Allen grossen Feldherren ähnlich, stand er über den Ereignissen und verstandes, seinen Truppen ein unbegrenztes Vertrauen zu sich einzuflössen. NachMöglichkeit richtete er Alles selbst ein und verschluss so das Geheimniss seinerAbsichten in sich selbst (wodurch denn auch, als er getödtet wurde, NiemandEtwas von denselben wusste) und hatte bei sich eine sehr geringe Zahl (fünfbis sechs Officiere, nicht mehr) ihm untergebener Vollstrecker seiner Befehle.
Hinsichtlich seiner Truppen kann man sagen, brauchte er nur sich ihnenzu zeigen, um ihnen volles Vertrauen und Ergebenheit zu ihm einzuflössen.
Der erste Eindruck, den er auf Andere durch seine Verschlossenheit aus-übte , war ein sehr ernster und würdevoller. Sein Lob brachte einen um sogrösseren Eindruck hervor, während ein einziges Wort der Missbilligung und desVorwurfs tief schmerzte. Jedermann wusste, dass er wahre väterliche Gefühlefür alle seine Untergebenen hegte. Wenn sich in der Armee irgend ein Mangelfühlbar machte, verausgabte er grosse Summen aus seiner eigenen Casse,machte grosse persönliche Anleihen, um seine Truppen mit Proviant zu ver-sorgen , liess zweimal sein ganzes Silbergeschirr in Stücke schlagen und unterdie Soldaten vertheilen, und theilte mit ihnen alle Entbehrungen und Beschwer-den. — In ausserordentlichen Fällen (wie z. B. im Juli 1674, als in seinerArmee der Durchfall epidemisch auftrat) war er auf alle mögliche Weise bemüht,Mittel gegen die Krankheit zu ergreifen, besuchte die kranken und verwundetenSoldaten, tröstete und richtete sie durch theilnehmende Worte auf, versorgtesie mit Geld, und wenn er gerade keins bei sich hatte, borgte er solches vomnächsten General oder Officier. Dafür nannten ihn auch die Soldaten nichtanders als ihren Vater , liebten und achteten ihn grenzenlos, wussten es, dasser mit ihren Entbehrungen, Mühen und ihrem Blute geizte, aber freigebig inseiner Fürsorge für sie war. »Wir haben für Nichts zu sorgen«, so sprachen sie