I. Turenne. 135
die Armee der Niederländischen Generalstaaten ab. Vom Jahre 1660 undbesonders vom Jahre 1666 an war er mit sehr wichtigen StaatsangelegenheitenFrankreichs , in welchen Ludwig XIV. seinen Kath einholte und seine Meinungbefolgte, beschäftigt.
Seine Operationen im ersten und zweiten Niederländischen Kriege (1667bis 167 5) xmd die allgemeine Schlussfolgerung über ihn als Feldherrn und überdie Art und Kunst seiner Kriegführung, sind in Capitel III. §§. 22—29 ge-geben. Hier wollen wir aber noch einige Züge aus seinem Leben, die zu seinerCharakteristik als Feldheir und Mensch dienen, hinzufügen*).
Turenne besass von Natur eine ungewöhnliche Combinationsgabe bei denallerschwierigsten Aufgaben, sowie eine staunenswerthe Beständigkeit undEnergie im Streben nach dem vorgesteckten Ziele, das er mit allen ihm zu Ge-bote stehenden Mitteln verfolgte. Die Geisteskraft stand bei ihm im völligenGleichgewichte mit der Willenskraft, und sein Wille, ohne auch nur im Gering-sten zu wanken, fügte sich und folgte den Eingebungen seines Verstandes. Erdurchschaute im Augenblicke alle Folgen eines jeden Unternehmens und jederHandlung und wurde dadurch niemals von der Ausführung der letzteren zu-rückgehalten. Misslang ihm Etwas, so verlor er nicht den Muth und verzwei-felte nicht, sondern dem Glücke vertrauend, verstand er dasselbe an sich zufesseln und zu benutzen. Trotzdem, dass er alle seine Feldzüge in äussersterAbhängigkeit von Ludwig XHL, dann von der Königin-Regentin und endlich vonLudwig XIV., ihren Höfen und den Inü'iguen an denselben, ihren MinisternEichelieu, Mazarin und Louvois und vielen andern Personen und Umständen,ausführte, verstand er immer, selbst ihm vorgeschriebene Operationen selbst-ständig, eigenartig, geschickt und erfolgreich auszuführen. Er war immerbemüht, allen von ihm als richtig erkannten Massregeln seiner Gegner zuvor-zukommen, ohne jemals dabei in Kleinlichkeiten zu verfallen. Keinen seinerFehler und Missgriffe suchte er zu verbergen, sondern warf sie sich selbstoffen und hart vor. Nach erfochtenem Siege sagte er: »Wir haben gesiegt«,nach erlittener Niederlage aber kurz : »Ich bin geschlagen worden«. Wenn ersein Ziel erreicht hatte, verschmähte er die allergeringste Vorsichtsmassregelnicht. Er war so überzeugt davon, was er that, dass er durch Demonstrationenseiner Gegner gar nicht irre geleitet wurde, und indem er das Seinige weiterthat, zwang er sie selbst ihre Handlungen nach den seinigen zu richten undihm zu folgen. Er durchdachte seine Pläne sorgfältig und reif, aber was ereinmal beschlossen, wurde auch sofort ausgeführt, so dass Beschluss und Aus-führung bei ihm identisch und gleichzeitig waren. In jedem seiner achtzehnFeldzüge (1644—1675) begegnete er der Vereinigung so verschiedenartigerUmstände, dass in Folge dessen seine Erfahrungen im Kriegshandwerke nach
*) Als Leitfaden haben dazu gedient: die eigenen Memoiren Turenne's, die Be-merkungen Napoleon's I., die Biographie Turenne's von Kamsay , Lossau's Idealeder Kriegführung etc. u. A.