I. Turenne. 129
Im Jahre 1656 war dem Oberbefehlshaber der spanischen Armee an Stelledes Erzherzogs Leopold der uneheliche Sohn des Königs Philipp IV. von Spa-nien, Don-Juan von Oesterreichj, bestimmt. Aber dieser Wechsel fiel nichtzum Besten aus: Don Juan handelte fast ebenso wie der Erzherzog Leopold,und Conde, der ihm untergeben war, war nicht im Stande, selbstständig zuoperiren. Daher bestand denn auch der ganze Feldzug dieses Jahres spani-scher Seits in Hin - und Hermärschen von einem Orte zum andern, in Be-lagerungen kleiner Festungen und in öfterer Unthätigkeit auf der Strecke zwi-schen Tournai, Valenciennes, Quesnoy, Lens, Be'thune und St. Quentin, zwi-schen den Flüssen Scheide, Scarpe, Lys und Somme, in Süd-Flandern und dennördlichen Gegend von Artois und der Picardie. Hingegen legten in diesemunbedeutenden Feldzuge die Operationen Turenne's in hohem Grade seine ganzeGeschicklichkeit an den Tag. Er kam in der Eröffnung des Feldzuges demFeinde durch einen Marsch nach Tournai, um diese Festung durch plötzlichenUeberfall zu erobern, zuvor. Freilich gelang ihm dies nicht, weil die SpanierZeit gehabt hatten, bei Tournai einen Theil ihrer Armee zu sammeln. Dannblokirte Turenne (im Juni) Valenciennes auf beiden Seiten der Scheide (erselbst auf dem rechten und La Ferte auf dem linken Ufer) und eröffnete dieBelagerung. Don Juan und Conde mit 20,€00 Mann rückten bis an die LinienTurenne's auf dem rechten Ufer heran, und wahrscheinlich auf Anrathen Conde'sunternahm ihre Armee das Gleiche, was Turenne 1654 beiArras gethan hatte,nämlich durch einen heimlichen Nachtmarsch ging sie auf das linke Scheide-ufer über, griff in derselben Nacht die Linien La Ferte's an und zog in Valen-ciennes ein. La Ferte, 400 Officiere und gegen 4000 Mann wurden gefangengenommen, während die übrigen sich zerstreuten. Turenne hob die Belagerungauf und zog sich nach Quesnoy zurück, verlor aber keineswegs den Muth, son-dern blieb im Gegentheil fest in seinem Entschluss, dem Feind die Spitze zubieten, begeisterte dadurch seine Truppen ungemein und machte auf seineFeinde einen solchen Eindruck, dass sie, nachdem sie ihm gegenüber in Un-thätigkeit verharrt, die Festung Conde belagerten, ohne dazu einen wichtigenGrund zu haben, sondern nur um irgend Etwas zu unternehmen. Nachdemsie Conde erobert hatten, marschirten sie nach Cambrai, Lens, Be'thune, wäh-rend Turenne geschickt mauövrirte, immer ihren Bewegungen folgend und sichnach denselben richtend , indem er sich dabei stets in ihrer Nähe hielt, ohnesie anzugreifen, aber ihnen jederzeit seine Bereitwilligkeit zeigte, entwederselbst anzugreifen oder eine Schlacht aufzunehmen. Schliesslich zogen sichDon Juan und Conde nach Maubeuge zurück und beendeten damit den Feldzug;Turenne dagegen bezog hinter der Somme Winterquartiere.
Noch im Winter des Jahres 1657 schloss Ludwig XIV. ein Schutz- undTrutzbündniss gegen Spanien mit dem Protector Englands, Oliver Cromwell,nach welchem Letzterer sich verpflichtete, 6000 Mann Truppen zu stellen, undErsterer, Dünkirchen zu erobern und den Engländern zu übergeben. In Folge
Galitzin, .allgem. Kriegsgeschichte. 111,2. 9