4. Die bemerkenswerthesten Kriege und Feldzüge. 79
staatsmännische Begabung und ihr Einfluss auf ihre Regierungen machtesie zu handelnden Hauptpersonen und jeden von ihnen so zu sagen zurSäule und zum Lenker dieses Krieges.
Der (im Jahre 1701) entbrannte Krieg um die Erbfolge des spani-schen Thrones musste augenscheinlich nur ein privater Kampf zwischenFrankreich und Oesterreich sein, verwandelte sich aber bald in einenallgemeinen europäischen Krieg, der zu gleicher Zeit in den Nieder-landen, in Deutschland, Italien, Spanien, auf den Meeren und sogar inden Colonien geführt wurde. Seinem Charakter nach hat der Krieg imAllgemeinen drei verschiedene Perioden: die erste im Jahre 1701 — dieOifensivoperationen des Kaisers gegen Spanien und die Defensivopera-tionen Ludwig's XIV. in Italien; die zweite von 1702—1707 diemehr und mehr entschiedenen Offensivoperationen der Verbündeten inDeutschland und Italien, und Seitens der Franzosen (mit Ausnahme der Of-fensivoperationen in Deutschland in den Jahren 1703 und 1704) im All-gemeinen die Defensivoperationen in den Niederlanden, am Rhein undin Italien; endlich die dritte von 1707—1714 — Ludwig XIV. vertheidigtdie eigentlichen Grenzen Frankreichs.
Am Anfange des Jahres 1701 überstiegen die Streitkräfte des Kai-sers und seiner Verbündeten nicht 86,000 Mann. Nachdem der KaiserAnfangs "Spanien allein den Krieg erklärt hatte, sandte er von diesenTruppen 30,000 Mann unter der Führung des Prinzen Eugen von Savoyennach Italien. Die übrigen Truppen befanden sich: 21,000 Mann amRhein, 28,000 Mann in Ungarn und Slavonien und 7000 Mann in Oester-reich. Die Streitkräfte Ludwig's XIV. und seiner Verbündeten beliefensich auf 200,000 Mann, von welchen 75,000 Mann (ausser den Garniso-nen) in Flandern standen, 15,000 Mann an der Mosel, 41,000 Mann amRhein, 8000 Mann in Garnisonen im Elsass, in Italien 33,000 Mann imFelde und 11,000 Mann in Festungen, und ausserdem 11,000 Mann Sa-voyarden und 12,000 M. wolfenbüttelscher Truppen. Wenn Ludwig XIV.bei solch bedeutender Uebermacht an Streitkräften, den Bund mit Baiernbenutzend, mit allen seinen Streitkräften (ausser den notliwendigen Gar-nisonen) über "den Rhein gegangen wäre, sich mit den bairischen undwolfenbüttelschen Truppen vereinigt hätte und auf Wien entschieden losmarschirt wäre, wohin er auch alle Truppen aus Italien hätte dirigirenmüssen, so unterliegt es keinem Zweifel, dass der Kaiser zum Friedens-schluss gezwungen gewesen wäre; die übrigen Verbündeten würdenseinem Beispiele gefolgt sein, und der Krieg würde vielleicht gleichbeim Beginne zu Gunsten Ludwig's XIV. entschieden gewesen sein.Ludwig XIV. aber, um nicht ehrgeizig zu erscheinen und seinerseits nichtden Krieg zu beginnen, beschränkte sich überall auf die Vertheidigunguud beraubte sich somit freiwillig aller Vortheile eines Offensivkrieges.