64 II. Die Kriege am Ende des 17. und am Anfange des 18. Jahrhunderts.
§. 28.
Der Peldzug von 1675. Die Operationen Turenne's und Monteeuculi'sam Rhein bei Strassburg.
Die nachtheiligen Folgen der Uneinigkeit unter den Generälen derverbündeten Heere aus Erfahrung kennend, bestimmte der Kaiser indiesem Jahre an den Rhein ein 26,000 Mann starkes, nur aus eigenenTruppen (12,000 Mann Fussvolk, 14,000 Mann Reiterei) bestehendesHeer unter dem Oberbefehl Monteeuculi's. Dieser hatte die Absicht, denFranzosen in der Eröffnung der Kriegsoperationen zuvorzukommen undungehindert den Rhein bei Strassburg zu passiren, in welchem noch vomvergangenen Jahre die dem kaiserlichen Heere gehörigen Magazine sichbefanden, und dessen Bewohner dem Kaiser ergeben waren. Nach demUebergange über den Rhein beabsichtigte Montecuculi in das untere El-sass zu dringen. Turenne musste dem womöglich vorbeugen.
So war denn Strassburg in diesem Feldzuge für beide Theile derwichtigste Operationspunkt am mittlem Rhein. So unbedeutend das Ziel,das sich beide Theile gesteckt, so war dessen Erreichung für Turennebedeutend schwerer, erstens, weil er geringere Streitkräfte besass, danur 22,000 Mann (12,000 Mann Infanterie und 10,000 Reiter) zu seinerDisposition standen, und zweitens, weil die Bewohner Strassbnrgs, wieschon gesagt, zum Kaiser neigten. Dessen ungeachtet erreichte Turennevollständig seinen Zweck, einzig durch geschickte Manöver, ohne eineeinzige Schlacht. Dieser Feldzug wird allgemein als der meisterhaftestealler seiner Feldzüge anerkannt.
Noch vor Eröffnung des Feldzuges beabsichtigte Turenne, auf dasrechte Rheinufer überzugehen, und zwar aus folgenden Gründen : erstens,um durch die unmittelbare Vertheidigung des linken Rheinufers nicht zusehr gebunden zu sein; zweitens, um durch die Aufstellung des franzö-sischen Heeres in der Nähe Strassburgs sowohl die Bewohner dieser Stadt,als auch die Fürsten der benachbarten deutschen Länder von jederNeutralitätsverletzung zurückzuhalten; und drittens, um sein Heer aufFeindes Kosten zu unterhalten.
Unterdessen langte Montecuculi im Mai in Willstädt an, worauf Tu-renne gegen Strassburg anrückte und die Stadt durch ein Bombardementzu zerstören drohte, im Falle die Bewohner derselben die Neutralitätverletzten und das kaiserliche Heer bei sich aufnähmen. Um ihn vonStrassburg wegzulocken, rückte Montecuculi mit seiner Hauptarmee gegenPhilippsburg, ein Heer von 6000 Mann in der Nähe der ersteren Stadtzurücklassend, das den Auftrag hatte, dieselbe zu besetzen, sobald dieFranzosen sich von ihr entfernten. Turenne, der Monteeuculi's Absichtendurchschaute, folgte ihm nicht, sondern liess auch die Eröffnung der Be-