1. Kurze Uebersicht des Zustandes der Kriegskunst. 25
§.6.Die innere Einrichtung der Heere: ihre Stärke, Eintheilung, Unter-halt und Verwaltung. — Geist und Mannszueht der Heere.
Ein charakteristischer Zug des europäischen Heerwesens diesesZeitabschnittes war die im Vergleich zu früheren Zeiten ausserordent-liche Vergrösserung der Stärke der Heere, der Keiterei und Artillerie,sowie des Fuhrwesens der letzteren.
Die Eroberungskriege Ludwig's XIV. nöthigten denselben zahlreicheHeere zu halten; die reissend schnelle Entwickelung aller Quellen desEeichthums und der Macht Frankreichs, sowie der glänzende Zustandder Finanzen unter Colbert, gestatteten es ihm. Im Jahre 1672 besasser ein Heer von 160,000 Mann und 1700 eines von 183,000 Mann. Dieübrigen Staaten waren gezwungen seinem Beispiele zu folgen, und sogeschah es, dass zu Anfang des 18. Jahrhunderts die europäischenStaaten nicht selten Heere von 80, 100 und mehr tausend Mann auf-stellten, die sie sogar im Frieden unterhielten.
Die Stärke der verschiedenen Waffengattungen der Heere in ihrerBeziehung zu einander war noch nicht bestimmt und wechselte oft. DieBeiterei vergrösserte sich allmälig, gewann endlich der Infanterie gegen-über eine unverhältnissmässige Stärke, indem sie zu ein Drittel, bis-weilen zur Hälfte derselben anwuchs , ja nicht selten sogar sie an Zahlübertraf. Die Artillerie war im Allgemeinen auch sehr gross, besondersin den deutschen Heeren. In den französischen Heeren, wo ihre bezüg-liche Stärke genau bestimmt war, war sie in der Folge nicht so zahlreich(ein Geschütz auf 1000 Mann und später 62 Geschütze auf50,000Mann).Die Artillerie - Parks Avaren zahlreich und schwer.
In Folge der in Holland erfundenen Metall - Pontons wurden in denfranzösischen und holländischen Heeren mobile Ponton-Equipagen ein-geführt , deren Bedienung jedoch noch keine besondere Waffengattungbildete. In Deutschland, besonders in Oesterreich blieben noch diefrüheren grossen, hölzernen Pontons im Gebrauch. wahrscheinlich des-halb, weil sie beim Uebersetzen über grosse Ströme (Donau, Po) sich ge-eigneter erwiesen. Die Menge aller Arten von Krön- und Privatbagage,deren Bedienung, die Anzahl der Packpferde u. s. w. vergrösserte sichbis zum Unmaass, wodurch die nicht zur Fronte gehörigen Leute undPferde bisweilen der in der Fronte stehenden Mannschaft an Zahl gleichkamen.
Die Armeen wurden in Compagnien und Begimenter getheilt, undforderten es die Verhältnisse, so wurden einige Begimenter zeitweiseeinem Befehlshaber anvertraut. Turenne führte, wie schon gesagt,im französischen Heere die Brigade - Eintheilung' ein. Die übrigen