290 II. Vom Tode Karls d. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.
China war gegen Norden durch steile Gebirge abgeschlossen, längswelcher sich die berühmte chinesische Mauer hinzog. Diese sowohl,wie die Gebirge schützten China nach Norden, ausserdem aber lagen imInnern eine grosse Menge fester Plätze, deren Belagerung und Weg-nahme einem Wandervolke grosse Schwierigkeiten verursachen musste.Die Niutschschen hatten ihren kriegerischen Sinn noch nicht eingebüsstund setzten sich muthig zur Wehre, besonders in den Festungen. Aberihre Schwäche lag in dem Mangel an Reiterei, deren sie wegen desgrossen Volksreiehthums nicht viele unterhalten konnten, ausserdem wur-den die Pferde für die Reiterei ihnen vorzugsweise von den Nomaden-völkern und zum Theil aus den kaiserlichen Heerden geliefert, welche inden Steppen ausserhalb Chinas weideten und nur zum Theil sich in Chinaselbst ernährten. Seitdem aber Dschingis-Khan alle Nomaden-völker im Nordwesten und Norden von China unterworfen hatte, warendie Mittel zur Versorgung der chinesischen Cavallerie mit Pferden sehrzusammengeschmolzen. Deshalb scheint Dschingis-Khan auch sei-nen Plan der Eroberung Chinas hauptsächlich auf seine grosse Ueber-macht an Reiterei gegründet zu haben. Beim Beginn des Krieges kämpfteer nicht sowohl mit den chinesischen Truppen, sondern verwüstete vielmehrdas Land, trieb Vieh und Pferde fort, schleppte Gefangene weg undraubte auf diese Weise den Chinesen die Mittel, ein Heer und speciellReiterei zu formiren und zu unterhalten. Nirgends liess er Besatzungenzurück, setzte sich nicht in dem eingenommenen Lande fest, sondern be-gnügte sich nach Einnahme irgend welcher Festungen mit der Ueber-gabe der Besatzung oder Schleifung der Mauern.
In dieser Weise hatten im Laufe von über zwei Jahren (1211—1213)die Mongolen den Niutschschen alle ihre Besitzungen nördlich der chine-sischen Mauer und alle Mittel zur Ergänzung ihrer Cavallerie entrissen.Die Folge davon war ein Aufstand in der Hauptstadt Peking selbst unddie Losreissung eines Theils der Chinesen von den Niutschschen. Jun-Tsi wurde getödtet und an seine Stelle sein Neffe Utubu gesetzt.Von diesen Unordnungen profitirend, zog Dschingis-Khan im April1214 nachPecking, schlug einen Frieden vor, schloss ihn ab und gingdann in die nördlichen Steppen fort. Als er aber hörte, dass sich einTheil der chinesischen Truppen gegen Utubu empört habe, den Mongo-len seine Unterwerfung anbiete, und dass Utubu Peking verlassen undsich über den Chuan-Che (Hoang-ho) nach Süden entfernt habe, brachDschingis-Khan den Frieden, setzte sein Heer zur Vereinigung mitden aufständischen Chinesen in Bewegung und belagerte mit diesen zu-sammen Peking. Auf seine eigenen Kräfte angewiesen, musste Pekingsich wegen Mangels an Nahrungsmitteln im Juni 1215 ergeben, wurdeausgeplündert und den Flammen übergeben.