Druckschrift 
Abth. 2, Das Mittelalter Bd. 1 (1880) Von 476 bis zur Erfindung des Pulvers, 1350
Entstehung
Seite
224
Einzelbild herunterladen
 

224 II. Vom Tode Karl's d. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.

wurden die verschiedenartigsten Kriegslisten angewendet, welche dieStelle der Kunst vertraten. Ausserdem war der Krieg stets mit der grau-samsten Verheerung des Landes und seiner Bewohner verknüpft.

Im Einzelnen betrachtet zeigen die Kriege Russlands in dieser Pe-riode einige besondere Züge unter den ersten russischen Fürsten, in derTrennungs-Periode und in der ersten Hälfte der Mongolen-Periode.

§.76.Kriege und Feldzüge der ersten russischen Fürsten (8621054).

Nach Nestor's und unsrer andern ältesten Chronisten Erzählung*)fiugen bei ihrem Eintreffen in dem Lande des nordslawisch-finnischenBundes die Warjager an, nach allen Seiten hin Krieg zu führen,d. h. mit den Nachbarstämmen, um sie zu unterwerfen und Tribut vonihnen zu erheben. Zu diesem Zwecke gingen die ersten russischen Für-sten (Rurik, Oleg, Igor) mit ihren Druschinen alljährlich im Winterin das Gebiet der Ostslawen, trieben Tribut ein, indem sie die Wider-strebenden mit Gewalt dazu zwangen, fügten hölzerne Städte oderFestungen zusammen, Hessen darin einen Theil ihrer Druschinen zu-rück, um die Bewohner der Umgegend im Zaum zu erhalten, und kehrtenmit Abgaben und Beute beladen nach Nowgorod oder Kijew zurück.Wegen der ausgedehnten und dichten Waldungen und des Mangels anVerbindungen, welche die Bewegungen der Heere und Bagagen ermög-lichten, wurden diese Züge anfänglich auf Wasser-Strassen, d. h. aufden Flüssen in leichten Schiffen oder Kähnen, unternommen. Deshalbvollzogen sich auch die ersten Eroberungen und der Bau der ersten Städtean den Ufern und in den Thälern der Hauptströme, von wo sie dann aufden Nebenflüssen sich weiter in das Innere des Landes ausdehnten. Diebekannte Haupt-Wasserstrasse war die des Dnjepr oder die grie-chische (aus Wolchow und Urnen wahrscheinlich durch Lowat zu Dünaund Dnjepr, zum Theil auf den Nebenflüssen der beiden letzteren, theilsauf Tragen zu Lande], auf welcher die Warjager von Norden nachSüden und weiter nach Constantinopel und Griechenland gelangten.

Ausser diesen Zügen im Inneren vollführten die Warjager und erstenrussischen Fürsten Züge zur See nachConstantinopel, theils aus Kühnheit,theils zur Erlangung reicher Beute unternommen. Die Züge dieser Art,welche Ascold und Dir, auch Igor unternahmen, waren unglücklich:der Sturm zerstreute und zerstörte die Schiffe der Ersteren (865), das grie-

*) Durch Professor II owaiski widerlegt, welcher den Anfang der beglaubig-ten Geschichte Russlands mit Oleg von Kijew setzt. Das ändert aber Nichts andem Charakter der Kriege unter den ersten russischen Fürsten.