8. Die gleichzeitigen Völker in Ost-Europa und Asien. 1 89
Griechen entrissenen Besitzungen freigebig belohnte, setzte Orchanseinen ältesten Sohn Sul ei man (Soliman) zum Statthalter über Nicäa,welcher im J. 1333 die Nordküste von Klein-Asien (Anatolien) mit demHaupthafen Dschemlok (dem alten Chios) unterwarf. Bis jetzt hatteOrchan mit den übrigen neun türkischen Bey's oder Fürsten in Klein-Asien im Frieden gelebt; seine beständigen Erfolge aber in den Kriegengegen die Griechen erweckten in ihm solche Eroberungs- und Ruhm-sucht, dass er seine eigenen Stammesgenossen nicht schonte. Der mäch-tigste von diesen war der Beherrscher von Karasien (dem alten Mysien inKlein-Asien), nach dessen Tode seine beiden Söhne um die Herrschaftstritten. Der Jüngere wurde von den Osmanen unterstützt, nachdem erihre Hülfe durch Abtretung einiger Städte erkauft hatte. DerAeltere liessihn ermorden, und nun eroberte Orchan 1335 die Stadt Pergamus,zwang den Brudermörder zur Flucht und nahm dessen Fürstenthum inBesitz. Von nun an trat in den Eroberungen der Osmanli eine 20jährigePause ein, welche Orchan zur Entwickelung und Befestigung eines ge-ordneten Staats- und Heerwesens in seinem Reiche benutzte. Im J. 1333schloss er den ersten Frieden mit den Griechen, den er 1343 erneuerte,im J. 1342 ein Bündniss mit dem Kaiser Johannes Kantakuzenosgegen die Serben, Bulgaren und seine eigenen Stammesgenossen, imJ. 1346 vermählte er sich mit des Kaisers Tochter, leistete ihm Beistandgegen dessen Feinde und schickte bei Gelegenheit des Streites zwischendiesem und Johannes I. Paläologus um die Alleinherrschaft seinenSohn Soliman 1356 an die thracische Küste, nahm 1357 die befestigteHandelsstadt Gallipolis ein und verlegte seine Residenz nun von Nicäadorthin. Im J. 1358 starb Soliman und wurde — der erste osmanischeFürst — auf europäischem Grund und Boden beerdigt. 1360 starb auchOrchan, 75 Jahre alt, ruhmreich durch grosse Thaten als Gesetzgeberund Feldherr, und sein zweiter Sohn und Nachfolger Murad I. Jehasibegann bereits die Eroberungspläne seiner Vorgänger in Europa zur Aus-führung zu bringen.
Man sieht hieraus, dass bis zu Osman, dem Gründer des neuenturko-osmanischen oder Osmanli-Reiches zu Anfang des 13. Jahrhundertsdie Türken sich im Allgemeinen noch auf demselben Standpunkt öffent-licher und militärischer Organisation befanden wie zu der Zeit, da sie dasbagdad-arabische Khalifat stürzten. Seit Osman und Orchan ge-wann ihre Kriegsorganisation eine neue geregelte Form. Die Grundlageund die Hauptzüge derselben bis zuOsman's Zeit musste oben (§. 35) an-gegeben werden, vor der Darstellung der Kreuzzüge. Hier ist ergänzendnoch Folgendes anzuführen.
Die Kriegsorganisation der Turko-Seldschuken bis zu ihrer Unter-werfung durch die Mongolen stand bereits höher als auf dem Ursprung-