152 II. Vom Tode Karls d. Gr. bis zur Einführung der Feuerwaffen.
Das ganze von den ostslawischen, litthauisehen, finnischen und türki-schen Stämmen bewohnte Land ist eben und steppenartig im Süden, imUebrigen aber durchweg von weiten Waldungen und Sümpfen bedeckt.Deshalb war das Klima feucht und kalt, Verbindungsstrassen bildeten nurdie Flüsse: Wolchow, Wolga, westliche Dwina, Dnjepr, Bug, Dnjestru. s. w. mit ihren Zuflüssen. Die Hauptwasserstrasse zwischenNorden und Süden war der Wolchow, Ilmen-See und Dnjepr nebst Neben-flüssen.
_Die vorher erwähnten Stämme der westlichen Slawen, welche aufdem bezeichneten Flächenraume wohnten, waren ein sesshaftes, Acker-bau treibendes Volk, aber sie lebten getrennt, ohne jegliche Verbindungmit einander, vereinzelt in grösseren oder kleineren Ansiedelungen, vondenen einige sogar Städte waren (Nowgorod — bei den Ilmen-Slowenen,Isborsk, Polotzk und Smolensk — bei den Kriwitschen, Rostow bei denWjatitschen, Ljubetsch und Tschernigow — bei den Sjäverjanen, Kijew—■ bei den Poljanen, Korostew — bei den Drewljanen). Die Stammes-verschiedenheit, das Fehlen jedes gemeinschaftlichen Zusammenhanges,und die beständigen Streitigkeiten und inneren Kriege, besonders imNorden, waren die Ursachen der Ohnmacht der östlichen Slawen gegen-über ihren starken äussern Feinden, — im Norden die Warjager oderNormannen (Skandinavier), im Süden die Chazaren. Im J. 859 legten dieWarjager den Slowenen, Kriwitschen, Tschuden, MerjaundWjessenTribut-zahlung auf. — die Chazaren den am Dnjepr wohnenden Stämmen. DieIlmen-Slowenen dagegen, die Kriwitschen, Tschuden, MerjaundWjessen,welche ein Bündniss geschlossen zu haben scheinen, vertrieben im J. 860die Warjager, welche ihnen Tribut auferlegt hatten, und riefen im J. 861von jenseits des Meeres her (wahrscheinlich von den südlichen baltischenSlawenstämmen , wo zwischen den Slawen auch Normannen, Deutsche,Datschanen und andere Stämme lebten) andere Warjager herbei,unter Führung der drei normannischen Brüder und Fürsten Rurik,Sineus und Truwor, um, wie Nestor erzählt, »bei ihnen Fürsten zusein und über sie zu regieren«. Im J. 862 trafen die drei Brüder vomMeere her mit ihrem ganzen Geschlechte und einer starken Druschine(Genossenschaft, Freundschaft, Leibwache) normannischer Warjager inLadoga ein, und siedelten sich an, — Rurik in Ladoga*), Sineus amBjelosero und Truwor in Isborsk, als auf den äussersten Grenzpunktendes Gebietes der fünf Stämme, von welchen sie zum Schutze gegen äussereFeinde herbeigerufen waren. Durch Auflegung von Abgaben und Ver-theilung ihrer Mannen (Männer, Muschel) als Statthalter in die Städteund Ansiedelungen Jener stellten die Fürsten mit ihren Schaaren und den
' *) Nach Strahl u. A. nicht in Ladoga, sondern in Nowgorod. A. d. Uebers.