102 I. Bis zum Tode Karl's d. Gr. (814). .
entfernt sie sich gleichzeitig von denselben in andern und entwickelt sichim Allgemeinen überhaupt im altgermanischen Geiste, im Besonderenaber in Uebereinstimmung mit den localen Ursachen und Bedingungen.Daraus entstand eine grosse Vermischung, gleichsam eine Gährung derbeiden verschiedenen Ursprungsarten, vieles Alten mit vielem Neuen,des antik Römisch-Griechischen mit dem alten und dem neuen Germani-schen , des Richtigen mit dem Unrichtigen, des Wahren mit dem Fal-schen , des Nützlichen mit dem Nutzlosen für die Entwicklung und dieErfolge der Kriegskunst in der allein richtigen Art und Richtung. Soz. B. ist auf der einen Seite in der Eintheilung der Truppen in schwereund leichte, in der allgemeinen Art ihrer Bewaffnung wie ihres Kämpfensin geschlossener und aufgelöster Ordnung, in den Waffen für den Nah-und für den Fernkampf, in Fortification, Poliorcetik und Ballistik schonmehr oder weniger die Uebereinstimmung mit den altgriechisch-römischenMustern erkennbar. Auf der andern Seite aber macht zur selben Zeit indem Zustande der Truppen, in den Details ihrer Bewaffnung, den beidenTruppengattungen — Fussvolk und Reiterei, in deren relativer Anzahl,ihrer Aufstellung, Bewegung und Kampfart, im Marsch und Gefecht, inihrer ganzen inneren Organisation und ihrem Geiste — sich ein mehroder minder wesentlicher Unterschied gegen die alten Formen bemerk-lich. Die Feudal-Heeresorganisation, hervorgegangen aus der Allodial-Verfassung, führt zur Entwicklung des Feudal-Ritterthums und mit dem-selben der feudalen ritterlichen Cavallerie, die an Zahl und Beschaffenheitdem Fussvolke so überlegen ist, dass sie den Kern und die Hauptmachtder Truppen und Heere bildet. Das Feudal-Fussvolk nimmt dagegenim selben Maasse an Zahl, Güte, Bedeutung und Wirksamkeit ab undtritt nicht nur in die zweite Linie, sondern wird eine fast ganz werthloseTruppe. Das Eine wie das Andere war schon der vollkommenste Gegen-satz zur alten römisch-griechischen Heeresverfassung, bei welcher dasFussvolk die Hauptmacht des Heeres bildete und die Welt eroberte, wäh-rend die Reiterei dabei nur secundirte. Dies ist der hauptsächlichste,wesentliche und höchst wichtige Unterschied zwischen der alten undneuen Heeresorganisation, und zwar durchaus nicht zu Gunsten derletzteren. In dieser letzteren war die Ausbildung des Feudalismus unddes Ritterthums nicht allein mit den wahren Bedingungen und Anfor-derungen der Entwicklung und der Erfolge der Kriegskunst in derergiebigen Richtung nicht in Uebereinstimmung, sondern stand imdirekten Gegensatze dazu. Und dies noch umsomehr, als die ganze tak-tische und innere Organisation der Heere und Truppen überhaupt einesolche falsche Richtung eingeschlagen hatte, deren Hauptzug die U n -Ordnung in jeder Hinsicht, materieller wie moralischer, war.
Demnächst aber muss man sagen, dass inmitten dieses Chaos schon