64 I- Bis zum Tode Karl's d. Gr. (8i4).
wurden schon im 5. Theile der Allgem. Kriegsgeschichte des Alterthumsgemacht (in den Kapiteln Über die Völker Ost-Europa's, die späterenSlowenen oder Slawen bis zum 3., und im 3., 4. und 5. Jahrhundertv. Chr.). Wir fügen hier noch die hauptsächlichsten, allen diesen Völ-kern gemeinschaftlichen Züge ihrer öffentlichen und besonders ihrerKriegsorganisation hinzu.
Sie alle lebten, wie Nestor erzählt, jeder mit seinem Ge-schlechte, abgesondert, an seinem Platze, Einer herrschend über seinganzes Geschlecht. War in der ersten fernen Zeit die Grundlage desöffentlichen Wesens bei den Slawen die Familie gewesen, so war es zudieser Zeit, nach Nestor's Zeugniss, das Geschlecht, im weiterenSinne nicht eine einzelne Familie, sondern deren ganze Verwandtschaft,Sippe. Wie die Familien in der Sippe, so wieder die Sippen (Geschlech-ter) in ihren Stämmen und diese in dem Hauptstamme lebten getrennt,in besonderen Wohnungen unter der patriarchalischen Herrschaft derAeltesten in der Familie, dem Geschlechte, dem Stamme. Die Allge-meinheit der Herrschaft über das Land und die Häuser und deren Bewoh-ner erscheint auf der einen Seite als eine besondere öffentliche Organi-sation der Familien, Geschlechtern, s.w., auf der andern zeigt sie derenZerspaltung, häufige Streitigkeiten und Fehden zwischen ihnen. Ausser-dem war bis zum 6. Jahrhundert n. Chr., aber auch später noch dasLeben der Slawen ein äusserst unruhiges, in Folge der unaufhörlichenBewegung der Völker sowohl germanischen Stammes, als der Asiatenund der Slawen selber, nach Westen, Osten, Süden und Norden, durchdas ganze slawische Territorium, und der hierbei unablässigen Angriffefremder Völker gegen die Slawen. Deshalb muss man im Allgemeinendoch sagen, dass, obgleich der kriegerische Geist nicht ein so herrschen-der Charakterzug der Slawen war, wie bei den Germanen. Gothen, Hun-nen und andern ähnlichen Völkern des 4., 5. und der folgenden Jahr-hunderte, sie doch durch ihre Geschlechts- und Stammesfehden undnamentlich durch die Angriffe der fremden Völker notwendigerweisekriegerisch geworden waren. Dieser ihr gleichsam unfreiwilliger Kriegs-geist hatte einen weit mehr defensiven als offensiven Charakter. Denletzteren besass er mehr im Süden, gegen das byzantinische Reich undzum Theil an der Ostsee, wo die slawischen Pomoranen, gleich denscandinavischen Normannen, Kriegsunternehmungen zur See ausführten.Die ganze übrige grosse Masse der westlichen und östlichen Slawenschützte bei allen Angriffen und Abwehrung derselben in ihren Ge-schlechtsfehden hauptsächlich ihre Freiheit und Unabhängigkeit mit derWaffe in der Hand gegen fremde Eroberungsvölker, Germanen, späterFranken im Westen, asiatische Wilde im Osten, Finnen und Normannenim Norden.