44 I. Bis zum Tode Karl's d. Gr. (814).
das feindliche Heer, so werfen sie sich, ohne dessen Angriff abzuwarten,selbst mit Ungestüm auf dasselbe und führen durch die Schlacht die Ent-scheidung herbei. Liegen feindliche Städte oder Festungen an ihremWege, so nehmen sie sie mit stürmender Hand, oder zwingen durch Hun-ger die Vertheidiger zur Uebergabe. Der Vertheidiger ging dem Gegnerentgegen und schloss sich erst dann in die Stadt ein, wenn er geschlagenwar, oder er tkeilte auch bisweilen sich in mehrere Haufen uud führteden kleinen Krieg so lange, bis die Umstände ihm erlaubten, von Neuemzur Offensive überzugehen.
Die Kriege der germanischen Völker nahmen im Allgemeinen undallmälig, — die inneren den dem Feudalwesen eigenen Charakter derZerstückelung und Unregelmässigkeit, — die äusseren, besonders beiden Franken, den Charakter der grossen Eroberungskriege an. Undzwischen ihnen bietet West-Europa, durch sie zerrissen und verheert,trotz der bereits erheblichen Zahl von festen Städten und Burgen, einhöchst trostloses Bild. Die Kriege der asiatischen Völker dagegen warenvorzugsweise grosse Eroberungskriege.
Im Allgemeinen trat während dieser ganzen Periode überall mehroder weniger die rohe physische Kraft, die persönliche Tapferkeit oderKriegslist an die Stelle der Kriegskunst, stets war der Krieg mit Raub,Verwüstung des Landes, Grausamkeit und Unmenschlichkeit verknüpft.Nur sehr vereinzelte Kriege dieser Periode zeichnen sich durch grössereKunst oder durch beachtenswertke Besonderheiten aus. Solche sindz. B. die Kriege der Franken unter Ch 1 odwig, Karl Martell, Pipindem Kleinen und besonders Karl d. Gr. Betrachtet man diese, sokann man sich leicht davon überzeugen, dass die Ursachen der glän-zenden Erfolge oder der besondern Kunst derselben, ganz wie es auchim Alterthum gewesen, in der persönlichen kriegerischen Begabung derHeerführer lag, welche diese Kriege führten oder im Ganzen leiteten.
§.6.
Die Kriege der Franken im Besondern. —Unter Chlodwig (4SI— 511).
Die 30jährige Regierungszeit Chi od wig's war von fast ununter-brochenen erfolgreichen Kriegen der Franken gegen die Nachbarvölkererfüllt. Nachdem er in der Entscheidungsschlacht bei Soissons (48G)den römischen Statthalter Syagrius besiegt und damit der Herrschaftder Römer und Gallier ein Ende gemacht hatte, schlug Chlodwig(490)-die in Gallien eindringenden Thüringer, bemächtigte sich binnen sechsJahren des ganzen Gebiets zwischen Seine, Aisne und Somme, wo er dieStadt Melun zum Mittelpunkt seiner kriegerischen Thätigkeit machte,