Leben der Königin Mathilde. 339
einer Göttinger Handschrift entdeckte 1 ). Früher kannte man nureine spätere Ueberarbeitung derselben, deren Verfasser, ebenfallsdem Kloster Nordhausen nahestehend, das Werk stilistisch umformteund manches veränderte, namentlich Heinrich von Baiern, MahthildsLiebimgssohn, ungebührlich hervorhob, dem Enkel desselben, Hein-rich II, zu Liebe, welcher ihm diese Arbeit aufgetragen hatte 2 ).Dafs hierzu Gumpolds Wenzellegende benutzt war, hat zuerst Loeherbemerkt, der jedoch eine gemeinsame Quelle annahm; R. Koepkehat das richtige Yerhältnifs festgestellt. Die genaueste und sehrlehrreiche Analyse der ganzen Vita hat aber Heerwagen ange-stellt. Die Bildung ist inzwischen schon bedeutend mehr clericalgeworden; nicht mehr vergilische Anklänge herrschen hier, sonderndie kirchliche Reimprosa des Chorgesangs. Der Ausdruck ist geglättet,und die wörtlichen Entlehnungen sind mehr verwaschen, dafür aberandere dazugekommen, und wieder ist es derselbe gelehrte Apparat,vermehrt jedoch durch Sedulius (ep. ad Macedonium), mit welchemauch der Ueberarbeiter wirthschaftet. Recht lebhaft tritt uns hierentgegen, wie frei für kirchliche Zwecke und zur verzierenden Aus-schmückung die Ueberlieferung behandelt und wie bereitwillig derSchmeichelei für das regierende Haus die Wahrheit geopfert wird.Den Anspruch auf geschichtliche Glaubwürdigkeit hat diese jüngereVita vollständig eingebüfst.
Bedeutender als Herford und Nordhausen tritt Quedlinburghervor, ebenfalls eine Stiftung der Königin Mahthild; die erste Aeb-tissin (966—999) war ihre Enkelin gleiches Namens, die TochterOtto's des Grofsen, welcher Widukind seine Geschichte widmete.Hier wurde die Pfalzgräfin Agnes erzogen, und auch der BischofThietmar von Merseburg hat hier seine ersten Jugendjahre verlebt,
') Vita Mahthildis antiquior ed. Koepke, MG. SS. X, 575—582; vgl.G. Waitz in den Goett. Nachrichten 1852, N. 13. Giesebrecht, Geschichteder Kaiserzeit, I, 782—784. 835. Uebersetzung von Jaffe 1858, wo diefremden Federn des Verfassers zuerst bemerkt und nachgewiesen sind;2. A. 1891, Geschichtschr. Bd. 31 (X, 4). R. Koepke, Forsch. VI, 147bis 171 verficht seine Ansicht, dafs der Verf. unter Otto III schrieb. Ver-besserungen des Textes von Heerwagen, Forsch. VIII, 382; aus der Hand-schrift von Jaffe, Forsch. IX, 344. Vgl. auch Wilmans, Kaiserurkk.S. 439 ff. über das Stift Enger.
a ) Vita Mahthildis reginae ed. Pertz, MG. SS. IV, 283—302. DarausMigne CXXXV. Varianten der älteren und besseren Düsseldorfer Hand-schrift giebt B. Simson im Archiv f. Gesch. d. Niederrheins VII, 159—163.R. Koepke, Forsch. VI, 170, setzt die Abfassung in das erste Jahr Hein-richs II. Ranke, Weltgesch. VIII, S. 628—634, legt den Angaben derjüngeren Vita über Heinrichs Anspruch auf die Krone grössere Bedeutungbei, als ihnen m. E. Widukind gegenüber zukommt.
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