Litterarische Einleitung.
§ 1. Die Ausgaben des 16. Jahrhunderts.
Ungeachtet des grofsen Unterschiedes zwischen den Denkmälern desclassischen Alterthums und des Mittelalters findet sich doch auch inihnen viel übereinstimmendes, haben sie oft ähnliche Schicksale ge-theilt. Bis gegen den Anfang des dreizehnten Jahrhunderts las manin den Schulen noch häufig und fieifsig die alten Autoren, und hieltsich für die Geschichte der näheren Vergangenheit an echte undunverfälschte Quellen. In den nächsten Jahrhunderten tritt beideszurück. Auch die ausgezeichnetsten Geister begnügen sich mitphantastischen Vorstellungen von der Vorzeit, ohne deren Richtigkeitzu prüfen. Die alten Schriftsteller verschwinden aus dem Unterricht,abgeschmackte Fabeln überwuchern bei den Chronisten die Geschichte,und die einfachere, wahrheitsliebende Darstellung der Zeitgenossenfindet solchen Entstellungen gegenüber keine Beachtung. Fast gänz-lich scheint der Sinn für Kritik verloren, bis wir im fünfzehntenJahrhundert wieder einzelne Spuren davon wahrnehmen, woraufdann bald die Bestrebungen der Humanisten für die Wiederbelebungder classischen Studien auch der Kunde des früheren Mittelalters zuGute kommen.
In Italien freilich ist es das römische Alterthum fast ausschliefs-lich, welches die Geister beschäftigt; als dazu auch die Griechen-w r elt noch hinzutrat, wandte man sich dieser fernen Vergangenheitvöllig zu, und die platonische Akademie hat mit der Gegenwartund den aus dem Christenthum erwachsenen Zuständen kaum eineBerührung.
Anders in Deutschland. Hier richtet sich die Kritik sogleichauf die Urkunden der christlichen Religion, und die drückend empfun-dene päbstliche Herrschaft veranlafst zur Prüfung der Ueberlieferung.Da werden die alten lauteren Quellen der Geschichte wieder ans
Wattenbach, Geschichtäquellen I. 6. Aufl. 1