Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

I. Die Vorzeit.

Von den ersten Anfängen bis zur Herrschaft der Karolinger.

§ 1. Die Römerzeit. Legenden.

.lacitus berichtet uns, dafs noch zu seiner Zeit die Germanen inihren Liedern die Thaten des Arminius feierten 1 ). Nicht unmög-lich ist, dafs noch in den Dichtungen der deutschen Heldensage,welche Karl der Grofse sammeln und aufschreiben liefs 2 ), dieseruralten Kämpfe gedacht wurde: was uns von einheimischer Sageerhalten ist, reicht nicht weit über die Zeiten Attila's hinauf, dessengewaltige Hand mit so übermächtiger Kraft alles zerschmetterte,was ihm entgegentrat, dafs auch das Gedächtnifs der früheren Zeiterlosch. Von den Völkerschaften, deren Tacitus gedenkt, weifs dieSage nichts; auch die gothischen und langobardischen Heldenlieder,deren Inhalt uns zum Theil erhalten ist, sind früh verklungen.Etzel aber und Dietrich von Bern und die Könige der Burgundenlebten fort in der Erinnerung des Volks; wir haben die Lieder,welche von ihnen reden, aber wie unbestimmt und nebelhaft sindihre Gestalten geworden: kaum erkennt man noch, ob es Menschensind oder Götter. Das ist die Natur der mündlichen Ueberlieferung,in der es nichts festes und stätiges giebt, und schlimm würde esum unsere Kenntnifs der Geschichte stehen, wenn wir auf jene alleinangewiesen wären.

Kaiser Ludwig hatte keine Freude an den Liedern der Heimath,welche er in seiner Kindheit erlernt hatte 3 ); mit heidnischen Vor-stellungen und Anschauungen durchwebt, widerstrebten sie seinemkirchlichen Sinne, und wie dieser Kaiser, so verhielt sich auch die

') Ann. II, 88. Vgl. Wackernagel, Geschichte der deutschen Littera-tur, S. 8 ff.

2 ) Einh. V. Karoli c. 29.

3 ) Thegani V. Lud. c. 19.