Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
335
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Hrotsuit von Gandersheim. 335

Im Jahre 968 war es vollendet, und die Dichterin übersandte esmit einer poetischen "Widmung nicht nur dem jüngeren Kaiser,welcher ein Exemplar davon verlangt hatte, sondern auch dem altenKaiser selbst. In keinem Buch, so sagt sie, sei bisher derselbeGegenstand behandelt, keinem sei sie gefolgt; es sind die Mitgliederder kaiserlichen Familie, welche ihr den Stoff gegeben haben, undso ist es denn nicht zu verwundern, dafs verschiedene Rücksichtenauf die Darstellung eingewirkt haben. Ueber die VergangenheitHeinrichs von Baiern konnte hier nur mit der äufsersten Vorsichtgesprochen werden. Es war nur zu viel in der kaiserlichen Familievorgefallen, dessen man ungern gedachte. Widukind hatte ohneScheu davon gesprochen, und es- ist sehr wahrscheinlich, dass einigeihrer Aeufserungen direct gegen sein Geschichtswerk gerichtet sind.Mit der Wahrheit hat sie es hier eben nicht genau genommen: sieoder ihre Berichterstatter, deren abweichenden Angaben über schonfernliegende Dinge sie in gutem Glauben trauen mochte. Danebenaber gab es doch auch sonst des Stoffes noch reichlich genug, undhier hat Hrotsuit nicht nur manches, wie namentlich die Flucht derKaiserin Adelheid, in hübscher und ansprechender "Weise behandelt,sondern sie hat auch geschichtlich wichtige Thatsachen und Um-stände aufbewahrt. Gerade die von Widukind vernachlässigten Vor-gänge in Italien und die uns leider nicht erhaltene Kaiserkrönunghat sie ausführlich behandelt. Die Familiengeschichte ist ihr dieHauptsache, Schlachten zu schildern weist sie ausdrücklich als ihrnicht zukommend ab. Ausdrücklich hebt sie hervor, dafs sie nurwiedergebe, was man ihr berichtet habe, und wie in ihren übrigenWerken, so hält sie sich auch hier ganz genau an den ihr über-lieferten Gegenstand, und erlaubt sich nie, ihn der poetischen Dar-stellung zu Liebe umzugestalten. Die metrische Form bleibt bei ihrnur ein äufserliches Gewand, und wir können daher ihre Erzählunggeradezu als Geschichtswerk benutzen. Um so mehr ist es zubedauern, dafs etwa die Hälfte ihres Werkes verloren ist, und zwargerade die so inhaltreichen Jahre 953—962; nur ein kleines Bruch-stück daraus ist vorhanden, und keiner der uns bekannten mittel-alterlichen Schriftsteller hat ihr Werk benutzt.

Lange Zeit hat Hrotsuit an der Dichtung, die ihr offenbar grofseMühe machte, gearbeitet, denn im Anfang erwähnt sie den 965

der Verleihung an Celtis geschrieben war. — M. Haupt im Hermes VII,189 zeigt, dafs Hrotsuit den Plautus nicht gekannt hat. Nach Günther,Gesch. d. math. Unterrichts (1887) S. 83 ff. kannte sie Boethius dearithmetica.