Widukinds Sachsengeschichte. 331
eines Sachsenfürsten verliefs, wurde er dadurch dem Gesichtskreise"Widukinds entrückt. Obgleich Mönch, übersieht dieser fast ganzdie so überaus wichtige kirchliche Wirksamkeit Otto's, und besondersauffallend ist sein Schweigen über die Stiftung des neuen Erzbisthumsin Magdeburg. Er stand dem kaiserlichen Hause nicht ganz ferne,wie seine Widmung an Mahthild zeigt — ein zwölfjähriges Mädchen,dem er fast ärger schmeichelt, als die Devotion gegen das Haus derOttonen entschuldigen kann — und es kamen ihm gute Nachrichtenzu, aber er blieb doch als Mönch in seinem Kloster, und war dahernicht im Stande, sich' diejenige Uebersicht der Verhältnisse zu ver-schaffen, welche damals wohl nur am kaiserlichen Hofe zu erlangenwar. Deshalb kann ich auch nicht der Auffassung Koepke's zu-stimmen, welcher einen längeren Aufenthalt am Hofe annimmt, undErzbischof "Wilhelm einen bestimmenden Einfiufs auf das Werk bei-mifst: wir müfsten dann ganz andere Gesichtspunkte hervortretensehen. Wohl hat er den Kaiser und seinen Hof gesehen, wenn siedas heimathliche Sachsen aufsuchten, aber von dem, was jenseit dersächsischen Grenze liegt, scheint ihm aus eigener Anschauung kaumetwas bekannt zu sein. Selbst in Magdeburg mufs er ganz fremdgewesen sein, da er sonst doch wohl nothwendig für die so wichtigeStiftung der wendischen Bisthümer und die viel bestrittene Errich-tung des Erzbisthums einige Theilnahme gewonnen hätte.
Dafs Widukind Hrotsuits Gedicht gekannt, dafs er dazu eineArt von Ergänzung hätte geben wollen, ist ein Phantasiegebilde vonKoepke, welches G. Waitz hinlänglich widerlegt hat.
Bleibt nun auch Widukind in seiner Darstellung hinter demseinem Gesichtskreis entrückten Reich zurück, so verleiht ihm da-gegen gerade seine Einseitigkeit und die lebendige Wärme des Volks-bewufstseins einen Reiz, der den objectiver gehaltenen Annalen fehlt,und stofflich betrachtet sind seine Mittheilungen für uns von demunschätzbarsten Werthe. In allem, was ihm nahe lag, zeigt er sichdurchaus zuverlässig, unbefangen und wahrheitsliebend in der Schil-derung der handelnden Personen, und so sehr er auch für das Otto-nische Haus begeistert ist, liegt eine absichtliche Entstellung derThatsachen zu ihren Gunsten ihm jedoch gänzlich fern. Sogar fürjene kühnen Recken, die im unbändigen Trotze lieber alles erdulden,als der Herrschaft ihres Vetters sich fügen wollten, bezeugt er eineoffenbare Theilnahme, ja Vorliebe, wie auch beim Volke solcheNaturen immer Anklang finden; zuletzt, wo er schon zum Schlufseilt und selbst das Näherliegende oberflächlich behandelt, zieht ihndoch noch Wichmanns Trotz und Untergang übermächtig an. Widu-