Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
329
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Widukind. 329

schrift aber bezeichnet sein Werk als die Geschichte der Sachsen.Denn Volk und Herrscher waren auf das innigste verbunden, undin dem Ruhme des Kaisers fühlte das ganze Volk sich gehoben, wiees denn auch seinen reichen Theil daran hatte. Gänzlich fern lages Widukind, nach der Weise der Chronisten an das römische Reichanzuknüpfen, sondern völlig dem Verlaufe der geschichtlichen Ent-wickelung entsprechend, nimmt er zum Ausgangspunkte seiner Er-zählung die Urgeschichte der Sachsen. Ihre alten Sagen zeichneter auf, und obgleich er es nicht lassen kann, sie durch übel ange-wandte Schulgelehrsamkeit zu entstellen, so erkennt man doch injedem Worte die Freude des Mönches an seinen alten heidnischenVorfahren, an diesem kraftvollen Geschlechte, vor dem schon damalsdie Franken sich fürchteten. Heiden freilich durften sie nicht bleiben,und darum mufsten sie nach tapferer Gegenwehr den Frankenunterliegen, um durch die Taufe nun mit ihnen ein Volk zu werden.Aber das Gefühl der Unterdrückung lastet dennoch auf ihnen, bisnun S. Veit zu ihnen kommt, und mit ihm das Glück, welches dieWestfranken jetzt verläfst. Unter seinem Schutze gedeihen understarken die Sachsen und werden unter ihrem grofsen König Heinrichaller übrigen Völker und selbst der Franken Herr; kein fremderGebieter beschränkt hinfort ihre Freiheit.

Gegen Otto erheben sich noch einmal alle Stämme,- schonschwindet die Hoffnung, dafs das Reich ferner bei den Sachsenbleibe, aber mit Gottes Hülfe überwindet Otto alle seine Widersacher,er bändigt die Slaven, die Ungern, die Westfranken, bringt auchItalien wieder ans Reich, und beherrscht nun, von Gott und S. Veitbeschützt, mit seinen Sachsen die Christenheit.

Durch diese durchgehende Einheit der Auffassung und durchdie naturfrische Lebendigkeit der Darstellung hat das ganze Werkeine epische Färbung; was in der Ferne vorgeht, berührt Widukindnur kurz, und ist darüber auch wenig genau unterrichtet, so wieer für die älteren Zeiten freilich auf Beda und die Geschichte derFranken und Langobarden hinweist, auch Jordanis über den Ur-sprung der Hunnen ausschreibt, Einhards Leben Karls benutzt, abervon ernstlicher kritischer Forschung doch kaum eine Vorstellunghat. Für näher liegende Zeiten wird es ihm nicht ganz an anna-listischen Aufzeichnungen gefehlt haben, an welche die noch erhal-tenen Corveyer Annalen anklingen. Die Translatio S. Viti kannteer, und doch wohl auch Bovo's Werk. Aber die mühsam und geist-los compilirende Arbeit anderer Chronisten liegt seiner Weise ganzfern. Dem Epos steht er auch darin nahe, dafs er vorzüglich bei