Hof- und Klosterpoesie. 327
strömt zu sein, aber die reiche Fülle lateinischer Gelegenheitsdich-tung, welche in der karolingischen Zeit überall uns begegnet, fehltder ottonischen. "Wohl finden wir den Streit der Brüder Otto I undHeinrich in einem halb lateinischen, halb deutschen Gedicht behan-delt 1 ), und auch die Schlacht auf dem Lechfeld verherrlicht 2 ), beideaber (in Bezug auf das erste freilich jetzt bezweifelt) den Ereig-nissen schon so fern stehend, dafs wir hinter ihnen uns eine Fülledeutscher Lieder zu denken haben, von jenen Mimi gesungen, deren"Widukind gedenkt 3 ).
Wie nun unter den ersten Karolingern die kräftige Neugestal-tung des Reiches naturgemäfs dahin geführt hatte, die Begebenheitender Gegenwart aufzuzeichnen, weil man wieder Lust und Bedürfnifsempfand, sie festzuhalten, so geschah es auch nach langer Pauseunter den Ottonen. Auch jetzt suchte man zunächst die Zeit-geschichte festzuhalten; die Weltgeschichte zu umfassen, versuchteman noch kaum. Aber überall begann man um die Mitte des Jahr-hunderts, die Zeitereignisse aufzuschreiben. Beziehungen zum kaiser-lichen Hofe wirkten auch hier anregend, aber nirgends erhob mansich doch zu einem so klaren Ueberblicke der Verhältnisse, wie ihndie karolingischen Reichsannalen zeigen; nur der Fortsetzer desRegino reiht sich denselben an. Der Königshof übte wieder einenkräftigen Einftufs, die Reichsgeschichte ist überall im Vordergrunde,aber weit mehr als in karolingischer Zeit herrschen doch locale Ge-sichtspunkte vor, und es entwickeln sich selbständige Mittelpunkte
J ) Leich von den beiden Heinrichen, ed. Lachinann bei Koepke, Jahrbb.Otto's I S. 97. W. Wackernagel, Lesebuch 4. Aufl. I, 110. Müllenhoff u.Scherer 3. Ausg. I, 39, vgl. II, 99—106. Seelmann im Niederd. Jahrb.XII, 75—89, bezieht es auf den Augsb. Reichstag von 952; Bedenkendagegen von Steinmeyer a. a. 0. S. 105.
2 ) Modus Ottinc, Magnus caesar, auch Otto II u. III feiernd, Lachm.im Rhein. Mus. in, 432. Coussemaker, Hist. de Pharm. 106 u. pl. VIH, 1.Müll. u. Scherer 3. Ausg. S. 46.
3 ) Heber die lat. Hof- u. Klosterpoesie vgl. Wackernagels LG. S. 70bis 74, über "Volkslieder S. 75. Ueber die modi des Cod. Cantabr. Bartsch,Die lat. Sequenzen des MA. S. 145—165. Auf Heriger von Mainz (913bis 926) Heriger urbis, nicht historisch, Jaffe in d. Zeitschr. f. D. Alt. XIV,455. Müll. u. Scherer, 3. Aufl. S. 53. — Kirchliche Lieder auf Heinrich n,Lamentemur u. Judex summe, bei Jaffe a. a. 0. 458—461; Summe CaesarNA. IV, 399. Anspielungen auf Heinrichs II Zusammenkunft mit K. Robertvon Frankreich im Ruodlieb, bei Grimm u. Schmellcr, Lat. Gedichtedes 10. u. 11. Jahrh., vgl. Giesebr. II, 624. Jahrbb. Heinrichs n, n, 225.in, 261. Ausgabe von F. Seiler, Halle 1882. Ueber Ecbasis captivis. unten § 6. Verse auf Heribert von Cöln zur kirchlichen Feier, doch nochsaec. XI, Qui principium bei Jaffe S. 456.