Studien am römischen Hof. 305
Vorzüglich besafs man am römischen Hofe, wo man sich, niedurch ideale Bestrebungen von den praktischen Zwecken ablenkenliefs, eine aufserordentliche Sicherheit in der Behandlung der kirchlich-politischen Angelegenheiten, und der Geschäftsstil der Curie gewanneine ungemeine Ausbildung und Festigkeit. Die Briefe der Päbstegeben davon Zeugnifs, und die erhaltenen gröfseren Sammlungenaus den Zeiten Nikolaus I und Johannes VIII sind in ihrer Artwahrhaft bewunderungswürdig. Davon erhielt sich auch später beizunehmender Barbarei die Tradition, obgleich mit dem Ende desneunten Jahrhunderts die Einwirkung des päbstlichen Hofes auf dieKirche diesseit der Alpen fast ganz verschwand, und wie hier dieAnnalen, so verstummten auch in Rom die Pabstleben mit demJahre 891.
In der nächstfolgenden Zeit veranlafsten noch die Streitigkeitenüber die Besetzung des päbstlichen Stuhles und die Geschicke desPabstes Formosus, vornehmlich über die Gültigkeit der von ihm er-theilten Weihen, die höchst merkwürdigen Streitschriften des Auxi-lius und Vulgarius. Sie berühren eine der dunkelsten Seiten derPabstgeschichte, die unheilbarsten Widersprüche infallibler Kirchen-fürsten 1 ). Auxilius war ein von Formosus geweihter fränkischerPriester, der in Neapel lebte, vielleicht als Mönch in Montecassinogestorben ist. Freimüthig und mit tüchtiger gelehrter Bildung aus-gerüstet, vertheidigte er ca. 908—912 Formosus und die von ihmgeweihten Priester in verschiedenen Schriften. Eugenius Vulga-rius hat in demselben Sinn geschrieben, später aber Sergius III,der Theodora u. a. kriechend geschmeichelt, endlich in der Invectivain Romam (wenn sie von ihm ist) unter Johann X (914—928) nocheinmal für Formosus geeifert. Er war ein italienischer Grammatiker,der wahrscheinlich auch in Neapel lebte; sein Latein und vorzüglichseine Verse sind unerträglich gesucht und verkünstelt.
Nach diesen letzten Regungen versinkt nun hier, während dieFactionen der römischen Grofsen über den Stuhl Petri streiten, alles
') Volles Licht ist über diese schmählichen Vorgänge und die be-treffende Litteratur verbreitet durch die ausgezeichnete Schrift: Auxiliusund Vulgarius. Quellen und Forschungen zur Geschichte des Pabstthumsim Anfange des 10. Jahrhunderts, von E. Dümmler, Leipz. 1866, wo auchaus der Bamberger Handschrift ungedruckte Schriften von beiden mitge-theilt sind. Die Invectiva in Romam giebt Dümmler zu den Gesta Beren-garii S. 137—154, vgl. 66—72, in neuer Ausgabe nach der Veroneser Hand-schrift. Ausbeutung der Tragödien des Seneca weist dem Vulg. R. Peipernach, Rhein. Mus. f. Philol. N. F. XXXH, 536.
Wattenbach, Geschichtsquellen I. 6. Aufl. 20