Alcuin im Frankenreich. 161
zu kommen; die Einkünfte der Abteien zu Ferneres und des heiligenLupus zu Troyes sicherten ihm hier eine ansehnliche Stellung, wäh-rend er in der Hofschule vor alten und jungen Zuhörern seine Vor-träge hielt. Auch hier -war es durchaus nicht allein auf dilettan-tische Belehrung der Hofleute abgesehen, sondern die vielen Söhnevornehmer Franken, welche nach alter Sitte zur Erziehung an denHof gebracht wurden, erhielten hier alles Ernstes ihre Ausbildungzu Staatsmännern und Bischöfen. Nach Alcuins eigener Angabe warsein vorzüglichster Beweggrund nicht etwa wissenschaftlicher Eifer,sondern die Sorge für Aufrechterhaltung der kirchlichen Orthodoxieim Frankenreiche 1 ), wie denn überhaupt der kirchliche Standpunktbei ihm durchaus mafsgebend ist.
Im Jahre 789 kehrte Alcuin nach England zurück; aber dieheftigen Streitigkeiten über Adoptianismus und Bilderverehrung ver-anlafsten Karl, ihn von neuem dringend einzuladen, und die innerenUnruhen, welche England zerrissen und Alcuin sogleich wieder indie ihm verhafsten politischen Händel verflochten hatten, machtendiesen geneigt, seine Heimath zu verlassen. Er erschien 794 aufdem zu Frankfurt gegen Felix und Elipand versammelten Concilals Abgesandter der englischen Kirche und bewährte sich durchmehrere Schriften als tapferer Streiter gegen die Irrlehren 2 ); nochzog es ihn zurück in sein Vaterland, aber die Ermordung Ethelreds796 verleidete ihm die Heimkehr, und von nun an widmete er sichganz dem Frankenreiche. Nach Iterius Tod erhielt er 796 die Abteides heiligen Martin zu Tours, der er bis zu seinem Tode, am19. Mai 804, vorstand. Dem unruhigen Getreibe des Hofes fern,entfaltete er hier die segensreichste Thätigkeit und bildete eineaufserordentliche Zahl von Zöglingen, welche im ganzen weitenReiche Karls neue Stätten wissenschaftlicher Thätigkeit begründeten.Seinen Schüler Wizo schickte er nach England, um Bücher zuholen, die er zu Tours durch zahlreiche und sorgfältige Abschriftenvervielfältigen liefs. Zugleich aber blieb er in fortwährender Ver-bindung mit Karl, der ihm das gröfste Vertrauen schenkte. Alsunschätzbares Denkmal ist uns seine Briefsammlung erhalten,welche zu den wichtigsten Quellen für die Geschichte dieser Zeit
J ) Ep. 35 u. 140 bei Jaffa, Bibl. VI, 255 u. 541, u. daraus Vitac. 5, p. 16.
2 ) Ueber seine Bekämpfung des Adoptianismus s. Gröfsler, Die Aus-rottung des Adopt. im Reiche Karls d. Grofsen, Progr. d. Gymn. zu Eis-leben 1879. Ob die libri Carolini (oben S. 157) von ihm verfafst sind, istzweifelhaft; vgl. die Anm. von Dümmler, Bibl. VI, 222. Ueber den ganzenGegenstand Hauck II, 283—299.
Wattenbach, Geschichtsciuellen I. 6. Aufl. \\