Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
71
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Cassiodors Gothengeschichte und Variae. 71

bäum selbst mit freier Dichtung über alle Gebühr verherrlichthaben mag 1 ).

Als Cassiodor oder Senator, denn das war sein eigentlicherName, alle seine Bestrebungen vereitelt sah, als das Gothenreichdem Angriff der Mächte, mit welchen er es hatte aussöhnen wollen,unterlag, da zog er sich, vermuthlich nach Vitigis Sturz (um 540)Ton der Welt zurück und gründete ein Kloster (monasterium Viva-riense) in Bruttien, wo er das Ende seines Lebens in stiller Be-schaulichkeit und schriftstellerischer Thätigkeit als hochbetagterGreis erwartete. Hier liefs er unter seiner Aufsicht die im Mittel-alter vielgelesene Kirchengeschichte 2 ) zusammenstellen und über-setzen; hier schrieb er in seinem 93. Jahre eine Abhandlung überdie Orthographie, zum Frommen seiner Mönche, denen er die Ver-vielfältigung der Bücher durch Abschriften ganz besonders zur Pflichtmachte. Er zuerst hat die wissenschaftliche Arbeit grundsätzlichin die Klöster eingeführt und dadurch einen weitreichenden segens-reichen Anstofs gegeben 3 ). Ist er, wie Thorbecke annimmt, erstum 570 gestorben, so erlebte er noch die neue Verwüstung Italiensdurch die Langobarden, sah er, wie die blutigen Lorbern Justiniansfruchtlos hinwelkten.

Von vorzüglichem Werthe für uns sind unter seinen erhaltenenWerken 4 ) die 538 verfafsten zwölf Bücher seiner Briefe (Variae),in welchen er die Kanzleiformen der Zeit und viele auch durchihren Inhalt wichtige Briefe aus der königlichen Kanzlei der Gothenaufbewahrt hat. Das Zureden seiner Freunde, sagt er in der Vor-rede, habe ihn zu dieser Sammlung veranlafst, welche einen Vorrathfertiger Formeln darbieten und zugleich zur Bildung junger Staats-männer dienen sollte, während sie auch das Andenken der von ihmgelobten trefflichen Männer der Nachwelt erhalte. Alles habe erhier vereinigt, was er aus der Zeit seiner Quästur, seines Magiste-riums und seiner Präfectur in den öffentlichen Actenstücken vonihm herrührend habe finden können. Doch nicht selten sei es ihmbegegnet, dafs er wegen übergrofser Eile bei der Ertheilung von

') Das hat vorzüglich H. v. Sybel nachgewiesen und eben deshalb an-genommen, dafs die nicht als Amaler bezeichneten Gothenkönige erst vonJordanis eingeschoben sind.

2 ) Die Historia tripartita , durch Epiphanius. Ueber dieses sehr man-gelhafte Werk s. Ad. Franz S. 104—120.

3 ) Thorb. S. 29—31. Sehr ausführlich Franz S. 35 ff.

4 ) Sehr lehrreich sind auch seine Institutiones divinarum et saecula-rium litterarum. Ueber die verschiedenen Texte des zweiten Buches s.Laubmann in d. Münch. SB. 1878, II, S. 71—96.