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1 (1893)
Entstehung
Seite
70
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70 !• Vorzeit. § 4. Ostgothen.

rühmt, weil er gleich den Anfang von Athalarichs Herrschaft gleich-mäfsig mit den Waffen und mit gelehrter Thätigkeit (litteris) ge-fördert habe; von der tiefen Ruhe litterarischer Beschäftigung auf-gescheucht 1 ), habe er ohne Zaudern zu den Waffen gegriffen.

Cassiodor selbst ist es, der diesen Brief verfafst hat, und klargenug hat er darin Zweck und Absicht seines Werkes ausgesprochen.Der übergrofse Abstand zwischen dem kräftigen, aber noch denRömern als barbarisch geltenden Gothenvolke und den auf ihreGeschichte und Bildung stolzen Römern sollte ausgeglichen werden,das war der leitende Gedanke in Cassiodors ganzer Thätigkeit.Dazu mufste ihm nun auch seine Gelehrsamkeit dienen; dafs Gothenund Geten dasselbe Volk wären, war eine längst geläufige Annahme 2 ),aber noch hatte niemand es versucht, den Zusammenhang nachzu-weisen. Cassiodor that es und zwar, wie jetzt durch das vonHolder entdeckte Fragment bekannt geworden ist, im Auftrag desKönigs Theoderich, doch erst nach dem Tode desselben gelang ihmdie Vollendung 3 ). Er verflocht zu diesem Zwecke, was er überdie Gothen wufste und bei Ablavius las, mit dem, was er bei Rö-mern und Griechen über die Geten vorfand, und da diese wie jenevon den Griechen häufig Skythen genannt wurden, zog er auch dieganze Urgeschichte der Skythen heran, und machte sogar die Ama-zonen ohne Bedenken zu gothischen Weibern. So erschienen dieAmaler, deren Glanz die gothische Sage verkündete, nun als un-mittelbare Nachfolger des Zamolxis und Sitalkes, und die Römerkonnten darin einen Trost finden für die Bitterkeit der fremdenHerrschaft*). Es war das ein Gedanke, der wohl Anerkennung ver-dient, wenn auch der Zweck unerreicht blieb, die Grundlage irrigwar, wenn auch zur Verherrlichung der Amaler er ihren Stamm-

') A litterarum penetralibus ejectus. Bessell S. 115 bemerkt richtig, dafsdamit seine Thätigkeit in der k. Kanzlei nicht wohl bezeichnet sein kann.

2 ) S. Schirren S. 54. Koepke S. 209. Die von J. Grimm vertheidigteIdentität kann als antiquirt betrachtet werden; ich begnüge mich, auf die Anm.v. Waitz zu verweisen, Verfassungsgesch. II, S. XIII, 2. u. 3. Ausg. I, S. 5:

3 ) Mommsen, Praef. Jord. p. XLI.

4 ) Diesen Gedanken hat R. Koepke lichtvoll entwickelt, Forsch. S. 89 ff.Die Art der Verknüpfung, das chronologische System von CassiodorsGothengeschichte weist Gutschmid S. 141 ff. nach, nachdem er S. 133—140den Stammbaum der Amaler behandelt hat. Er hält mit Schirren denEutharich für keinen wirklichen Amaler und sieht in dessen Stammbaumeinen Hauptzweck des Werkes; aber weshalb wurde dann Eutharich ausSpanien geholt, wenn nicht, weil er ein Amaler war? Dafür auch Thorb.S. 18—20. — Waitz, Nachrichten 1865 S. 101 vermuthet, dafs CassiodorsGeschichte sich auf Theoderichs Regierung nicht erstreckte. Ihm stimmtThorb. S. 45 bei.