66 I- Vorzeit. § 4. Ostgothen.
Der gothische Stamm war einer der begabtesten, bildungsfähig-sten deutschen Stämme. Er allein, nebst den Angelsachsen, hat vonAnfang an auch die Muttersprache ausgebildet, nicht nur in Liedund Gesang, sondern auch zu wissenschaftlichem Gebrauch; aufserVulfila's Bibelübersetzung haben sich auch Fragmente einer Evan-gelienharmonie erhalten. Getrennt von der herrschenden Kirche,feierten sie den Gottesdienst in ihrer eigenen Sprache 1 ), und derenGebrauch war dadurch bei ihnen, wie später bei den Slaven, bessergesichert als in der römischen Kirche. Dennoch hätten auch dieOstgothen, wäre ihrem Reiche längere Dauer beschieden gewesen,sich der Uebermacht römischer Cultur wohl sicher ebenso wenigzu erwehren vermocht, wie die Westgothen in Spanien und späterdie Angelsachsen.
Denn mit der gröfsten Empfänglichkeit wandten die Gothensich auch der antiken Bildung zu; Theoderichs Reich ist merkwürdigals ein Versuch, die neuen Elemente mit den alten zu vereinen unddie Herrschaft in den alten Formen fortzuführen; an seinem Hofehörte man noch die alten gothischen Heldenlieder, aber es sammel-ten sich dort auch die noch übrigen Träger der alten Bildung;hier entstanden mehrere der Werke, welche die Elemente der altenCultur dem Mittelalter überlieferten, aus denen es seine Kenntnifsdes Alterthums schöpfte und zugleich den gezierten dunklen Stillernte, der damals in den Schulen der Rhetoren und Grammatikerfür schön galt.
Den Schriftstellern des vierten Jahrhunderts, Donat, Macrobius,Marcianus Capeila, reiht sich Priscianus an, Theoderichs Zeitgenosseund mit Cassiodor bekannt; doch lebte er in Constantinopel. Einerder Hauptlehrer des Mittelalters aber, dem es zunächst die Kennt-nifs der Aristotelischen Philosophie verdankte, war Boethius 2 ), dermit seinem gelehrten Schwiegervater Symmachus am Hofe zu Ra-yenna lebte. Die Familie der Symmacher, die domni Symmachi,werden uns ganz besonders genannt unter den Männern, welche ingenauer Verbindung mit den Schulen der Grammatiker und Rhetorennoch einmal das sinkende Heidenthum neu zu beleben suchten,durch Auffrischung der Mysterien, der Philosophie, und namentlichauch durch angelegentliche Beschäftigung mit der alten Litteratur,deren "Werke sie durch sorgfältige Verbesserung der verwahrlostenHandschriften in diejenige Gestalt brachten, in welcher sie uns jetzt
J ) Papencordt, Geschichte der vandalischen Herrschaft in Afrika, S. 295.2 ) So nach der Etymologie, während die handschriftliche Autoritätmehr für Boetius spricht.