62 I. Vorzeit. § 3. Anfänge und Gattungen.
Heiligen aber enthalten für manche Zeiträume die werthvollstenNachrichten. Auch diese Aufzeichnungen finden ihre Vorbilderschon in den früheren Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit. Diechristlichen Gemeinden theilten sich unter einander die Todestageder Märtyrer mit nebst den Umständen ihres Leidens, und solcheMittheilungen wurden bei ihren Zusammenkünften "verlesen. Baldfing man auch an, das Leben anderer frommer Männer, der Bekenner,aufzuzeichnen. Cassians vielgelesenes Werk über die Einsiedler derThebais, das Leben des Cyprian, Ambrosius, Augustin und ganzbesonders das um 400 von Sulpicius Severus verfafste und durchganz Gallien verbreitete Leben des heiligen Martin von Tours') reg-ten zu ähnlicher Thätigkeit an 2 ). Benedict von Nursia, der eigent-liche Begründer des abendländischen Mönchthums, fand einen Bio-graphen in dem Pabstc Gregor dem Grofsen, und dieses "Werk fehltenatürlich in keinem Kloster seines Ordens; nebst den übrigen Bü-chern der Dialoge bot es der Wundersucht des Mittelalters reicheNahrung und reizte zur Nachahmung. Daran also schliefst sich nuneine überaus reiche Litteratur, und wenn auch vielfach der erbau-liche Ton so sehr überwiegt, dafs der geschichtliche Werth nurgering ist, so ist doch keine der wirklich echten gleichzeitigenBiographien ganz ohne Frucht, und für die Zeiten, wo die Heiligenzugleich Staatsmänner waren, gehören ihre Lebensbeschreibungen zuden wichtigsten Quellen der Geschichte. Mit dem dreizehnten Jahr-hundert aber verlieren sie fast alle Bedeutung.
Ganz vereinzelt erscheint daneben die weltliche Biographie; nureinige Kaiser haben Lebensbeschreiber gefunden, und wenn Einhardden Sueton zum Vorbilde nahm, so ist das nur eine Prucht derdurch Karl den Grofsen erneuten Einwirkung auch der heidnischenClassiker; eine lebendige Fortentwickelung knüpfte sich nur an diekirchliche Litteratur.
Zu erwähnen bleibt endlich noch eine Art der Aufzeichnung,
') Vgl. Reinkens, Martin v. Tours (1866) S. 258—274. Fast unbeach-tet dagegen und ohne Nachwirkung blieb desselben Sulpicius Chronik bis403, welche, die jüdische Geschichte mit der profanen verarbeitend, imStil sich den Werken des Sallust, Vellejus, Tacitus anschlofs und demGeschmack des Mittelalters nicht zusagte; s. die geistreiche Würdigungdieses Werkes von Jakob Bernays: Ueber die Chronik des Sulpicius Se-verus, Berlin 1861, 4. u. in d. Sammlung seiner Kl. Schriften. Benutzung inder V. Heinr. IV sucht Gundlach nachzuweisen, NA. XI, 299—304. NeueAusg. von C. Halm: Sulpicii Severi libri qui supersunt, Vindob. 1866. EbertS. 327—336.
2 ) Wie sehr es bis ins 13. Jahrh. als Vorbild diente und ausgenutztwurde, zeigt Manitius, NA. XIV, 165—170. XV, 194—196.