Martyrologien und Legenden. 61
St. Gallen geschenkten Exemplars seines Martyrologium 1 ), und inVersen Erchempert, der Mönch von Montecassino 2 ); noch imelften Jahrhundert verfafste Hermann von Reichen au ein Mar-tyrologium 3 ). Damit war nun aber auch dem Verlangen nach Mar-tyrologien völlig genügt; man fragte nicht mehr so viel nach diesenimmer noch kurzen und dürftigen Aufzeichnungen, da man bereitseine sehr grofse Zahl ausführlicher Legenden besafs , theils aus derZeit der Merowinger, theils aber auch über eben jene alten Mär-tyrer, von denen die Martyrologien so -wenig zu sagen wufsten. DerWunsch danach war zu dringend, besonders in den Klöstern, welcheReliquien von ihnen besafsen, als dafs nicht eine reiche Auswahlnachgemachter Legenden hätte entstehen sollen, welche leicht genugGlauben fanden, oder doch in Ermangelung anderer benutzt wurden,wie z. B. die Legende vom Apostel Thomas, deren Unglaubwürdig-keit wohl bekannt war*). Bald hatte man Legenden für jeden Tagim Jahr, und eine Sammlung derselben veranstaltete schon im An-fange des zehnten Jahrhunderts Wolfhard, Mönch zu Herrieden 5 ).Kleinere, unvollständige Legendarien hatte man schon früher, undsie finden sich in grofser Zahl in den folgenden Jahrhunderten, bissie endlich wiederum verdrängt wurden durch die in zahllosen Ab-schriften verbreitete Goldene Legende des Jacob von Genua 6 ),welche dem Gebrauch für das Leben und für die praktische An-wendung auf der Kanzel am meisten entsprach und in gedrängterKürze den ganzen Kreis der Heiligengeschichte auf den Umfangeines Bandes beschränkte.
Geschichtlich ist Jacobs compendiarische Behandlung der Le-genden unbrauchbar; die ausführlichen Lebensbeschreibungen der
•) Canis. II, 3, 89. Vgl. Dümmler, St. Gall. Denkmale, S. 252. ScherrerS. 149 über den cod. 454. Dümmler, Forsch. XXV, 202 ff. Es ist unvoll-ständig erhalten.
2 ) NA. IV, 544. VI, 285. Noch ungedruckt. Die nach der Vorr. zurBezeichnung seiner Zusätze gesetzten obeli finden sich in der Hs. nicht. — Einmetr. Martyrologium (Anf. Jure kalendarum) ist aus dem angels. Theil derHs. Galba A 18, die K. Aethelstans Psalter gewesen sein soll, herausg. v.Hampson, Medii Aevi Kalendarium (1841) S. 397—420. Die Hs. ist be-schrieben in Thompons Catal. of anc. mss. Latin (1884) S. 12, Fase. pl. 28.
3 ) Darüber, nebst Zusätzen einer späteren Bearbeitung, Dümmler ib.S. 208—214.
*) Ch. Schmidt, Histoire du Chapitre de Saint-Thomas de Strasbourg,p. 121. Auch in Handschriften des Thomasklosters zu Vorau fand ich dieKlage über den Mangel an authentischen Nachrichten bei den Legendendes Heiligen, die man aus Noth benutzte.
5 ) Anon. Haser. MG. SS. VII, 256. Vgl. Archiv V, 565. X, 645.
G ) Jacobi a Voragine Legenda aurea, vulgo Historia Lombardica dieta,rec. Th. Grässe. Ed. IL Lips. 1850. 8.