50 I. Vorzeit. § 2. S. Severin.
dann auch an dem Schauplatz seiner "Wirksamkeit bekannt, dennschon im Jahre 903 erwarb die Passauer Kirche eine Handschriftdesselben von dem Landbischof Madalwin '). Eigentümlich sind dieWirkungen, welche hier von diesem Werk ausgingen. Man las darinvon der grofsen alten Stadt Faviana, die man nirgends fand, undda man nun bei Wien alte Römersteine aufgrub, so zweifelte mannicht daran, dafs hier einst Faviana gelegen habe; Otto von Freisingund Herzog Heinrich von Oesterreich nahmen diese Meinung an, undsie hat sich bis auf die neusten Zeiten behauptet, bis endlich Blum-berger sie siegreich widerlegte 2 ).
Viel schlimmere Folgen hatte es, dafs man in Passau nun er-fuhr, Lorch habe einst Bischöfe gehabt, lange bevor Salzburg denKrummstab führte. Es lag nahe, sich als Erben der benachbartenStadt zu betrachten, welche jetzt zum Passauer Sprengel gehörte;aber der einmal angefachte Ehrgeiz strebte immer weiter; um demVorrang des jüngeren Salzburg nachdrücklicher entgegentreten zukönnen, wurde ein Erzbisthum Lorch erdacht und bald zu fabelhaf-ter Gröfse ausgedehnt; neu angefertigte Legenden von St. Quirin undMaximilian mufsten die Beweise dazu hergeben, untergeschobeneUrkunden das Vorgeben unterstützen, und mit Hülfe dieser Waffensetzte Passau wirklich bei dem in geschichtlicher Kritik wenig er-fahrenen Stuhle Petri seine Ansprüche durch, und wufste sich seitdem Ende des siebzehnten Jahrhunderts der rechtmäfsigen SalzburgerMetropolitangewalt zu entziehen. Viel gröfser aber, oder doch füruns bedeutender, ist das Unheil, welches diese Fälschungen in derGeschichtsforschung angerichtet haben; noch Rettbergs Werk trägtbedeutende Spuren davon, und es wird noch eine gute Weile dauern,bis es gelingt, diesen häfslichen Spuk gänzlich aus der Geschichtezu verbannen. Aufgedeckt aber ist die ganze Sache jetzt, und mitebenso unermüdlichem Fleifse wie besonnenem Scharfsinn nachge-wiesen in E. Dümmlers Werk über Piligrim von Passau und das
1 ) Mon. Boioa XXVIII, 2, 201.
2 ) Archiv der W. A. III, 355 (1849, vor der Ausgabe von BöekingsCommentar). Vgl. Böcldng, Notitia Dign. Occ. p. 747—750. Glück, dieBisthümer Noricums S. 76. Aschbach: Ueber die römischen Militärstatio-nen im Ufer-Noricum zwischen Lauriacum und Vindobona, nebst einer Un-tersuchung über die Lage der norischen Stadt Faviana, SB. XXXV, 3—32für Traismauer, Tauschinski SB. XXXVIII, 31—46 wieder für die Identitätmit Wien, ohne erhebliche Gründe. Kenner in d. Blättern d. Vereins f.Landesk. v. N. Oesterr. N. F. XVI (1882) S. 3—53, für Mautern. In Seve-rins Zeit brauchte man den Abi. Favianis, in der Notitia Dign. Occ. p. 100(ed. Seeck p. 198) steht Fafianae (Genetiv). S. Corpus ISS. Latt. III, 2, 687und passim zur Erklärung der Ortsnamen.