Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
49
Einzelbild herunterladen
 

Severins Biograph Eugippius. 49

als Augenzeuge über die Wunder berichten sollte, welche auf demZuge durch Italien an Severins Sarg geschehen waren. Paschasiusaber lehnte jede Aenderung an Eugipps Aufzeichnungen ab, undin der That ist es auch sehr zweifelhaft, ob jene Bitte ernsthaft ge-meint war, da uns ähnliche Aufforderungen, die nichts als Phrasesind, so häufig begegnen. Eugipps Aufzeichnungen sind durchausnicht unfertig, nicht nachlässig und formlos, und gerade aus jenenitalischen Wundern hebt er einige als die wichtigsten und stattaller genügend, sorgsam hervor. Auch giebt er als den wesent-lichsten Grund, weshalb er den Wunsch jenes Laien, von dem eineandere Biographie ihm bekannt war, nicht erfüllt, die Besorgnifsan, er möchte durch die Anwendung der rhetorischen Kunst denGegenstand verhüllen und für den einfachen und ungebildeten Gläu-bigen geradezu unverständlich machen. Er war also kein Freundvon den kunstgerechten Büchern jener Zeit, welche wie z. B. dieSchriften des Ennodius und manche von Cassiodor, durch eineUeberfülle gesuchter Antithesen und wortreichen Phrasenschwall sounerträglich schwülstig und geziert sind, dafs man oft nur mit Müheden Sinn der Worte enträthselt. Das galt in den Rhetorenschulenals schöner Stil.

Eugipps Aufzeichnungen dagegen sind ganz einfach und schmuck-los, ohne strenge Reihenfolge und Ordnung, aber um so mehr dertreue Ausdruck dessen, was ihm in seiner Erinnerung als das be-merkenswertheste erschienen war. Gerade darin liegt der Haupt-vorzug dieser Lebensbeschreibung vor den zahlreichen Legenden,ans deren salbungsvollem Wortreichthum die wenigen geschichtlichenNachrichten mühsam hervorgesucht werden müssen. Er selbst hatteSeverin und den Schauplatz seiner Wirksamkeit gekannt; in denletzten Abschnitten bezeichnet er sich ausdrücklich als Augenzeugen,aber auch nur in diesen, während er sich übrigens auf die häufiggehörten Erzählungen, zuweilen auf bestimmte Gewährsmänner beruft.

Das Leben Severins finden wir schon bald nach seiner Ent-stehung bei dem sogenannten Anonymus Valesianus 1 ), im Anfangedes siebenten Jahrhunderts von Isidor erwähnt, im achten von Pau-lus Diaconus benutzt; um dieselbe Zeit verfafste man zu Neapeleinen Hymnus, dem dasselbe zu Grunde liegt 2 ). Bald wurde es

1 ) Nachgewiesen von Glück, Die Bisthümer Noricums, Wiener SB.XVII, 77.

2 ) Neapolis gaude redimita festis, Plaude caelestem retinens patronum«tc. Ozanam, Documents inedits, p. 241.

Wattenbach, Geschichtsquellen. I. 6. Aufl. 4