Rettberg's Kritik. Friedrich. 41
ipätere Zusätze nicht etwa auf wirklicher, durch mündliche Ueber-ieferung bewahrter Kenntnifs beruhen, das zeigt uns, aufser dennneren Widersprüchen, besonders die Vergleichung mit den späterenjchten Legenden, mit den Lebensbeschreibungen der Heiligen ausgeschichtlich bekannter Zeit, welche in den Legendarien ebenfallsfortwährend sich verändern und mit allerlei fabelhaften Zuthatenvermehrt werden.
Man hat freilich Rettbergs Verfahren als zu negativ angegriffenund es wird zuzugeben sein, dafs er in einzelnen Fällen zu weit ge-gangen ist. Auch ist hin und wieder etwas aufgefunden, wodurchauf einzelne Fragen neues Licht fällt. Es war deshalb ganz gerecht-fertigt und angemessen, dafs Prof. J. Friedrich den Versuchmachte, jenem "Werke eine „Kirchengeschichte Deutschlands" (I. DieRömerzeit 1867, IL Die Merovinger 1869) von mehr conservativerRichtung entgegen zu setzen. Allein es fehlt darin leider an jenerstrengen wissenschaftlichen Methode, durch welche Rettberg sich sosehr auszeichnet, und in Folge der übermäfsigen Weitschweifigkeitist von der Zeit der Merovinger nur der Anfang berührt. Eineweitere Fortsetzung ist nicht erschienen.
Das Ergebnifs von Rettbergs Kritik aller jener Legenden überdie Zeit der ersten Einführung des Christenthums in das römischeDeutschland ist, dafs sie alle späteren Ursprungs sind, dafs für diewirkliche Geschichte jener Zeit nichts daraus zu lernen ist. Auchwas Friedrich nachträglich zu retten versucht, ist nur sehr wenig,und es trägt für diesen Gegenstand wenig aus, ob in der Geschichtevon dem Märtyrertode der Thebäer in Agaunum ein historischerKern sich nachweisen läfst 1 ), ob das Martyrium einiger christlicherJungfrauen zu Cöln glaubhaft bezeugt ist 2 ). Etwas erheblicher ist
1 ) S. darüber Franz Stolle, Das Martyrium der thebaischen Legion,Breslau 1891; vgl. NA. XVII, 223.
2 ) Ist der Einfall 0. Schade's (Die Sage von der heiligen Ursula,1854), für die Ursulalegende eine mythologische Begründung nachzuweisen,ohne Zweifel verfehlt, so ist dagegen der Versuch Joh. Hubert Kessels(S. Ursula und ihre Gesellschaft, Cöln 1863), durch rationalistische Deu-tung, mit Verwerfung der abgeschmackten Visionen, die ältere Legendezu retten, nicht minder abzuweisen. Sein Verfahren widerspricht jedergesunden historischen Kritik, er benutzt allerlei späte Legenden in unzu-lässiger Weise als Quelle für die Hunnenzeit; seine Hauptstütze aber istdie Predigt In natali, welche er ins achte Jahrhundert setzt. Diese istv. Klinkenberg aus einer Hs. saec. XII. herausg. u. in Karol. Zeit gesetzt(Kl. u. Düntzer in d. Jahrbb. d. V. v. Alt. im Rheinland, Heft 88. 89).Friedrich giebt die Legende auf. Vgl. auch Annalen des Niederrheins 1874,Heft 26 u. 27, S. 116 bis 176, G. Stein: Ursula, S. 177 bis 196, Flofs:Die Clematianische Inschrift. Facs. ders. bei F. X. Kraus: Die christl.Inss. d. Rheinlande (1890) S. 143. In den Anal. Bolland. III, 1—20, ist