Druckschrift 
1 (1893)
Entstehung
Seite
40
Einzelbild herunterladen
 

40 I- Vorzeit. § 1. Römerzeit.

Den einzig richtigen Weg einschlagend, hat er das ganze ungeheuereMaterial kritisch untersucht, der Herkunft und Entstehung jeder ein-zelnen Nachricht nachgeforscht. Wohl hatte man schon früher ein-zelnes als unhaltbar aufgegeben, aber immer suchte man doch wiederhistorisches Material aus dem Wüste der Fabeln zu gewinnen; mankonnte sich nicht entschliefsen auf dasjenige, dessen späte betrüg-liche Entstehung einmal nachgewiesen war, nun auch gänzlich zuverzichten, und auch jetzt noch ist für viele dieser Entschlufs zuschwer: man will doch nicht alle scheinbare Ausbeute aufgeben fürZeiten und Gegenstände, von denen man sonst gar nichts weifs.So ist es nur zu gewöhnlich, dafs man das gänzlich unhaltbarefortwirft, aber dasjenige, was nicht in sich unmöglich ist, behältein durchaus unhistorisches Verfahren 1 ).

Wenn es z. B. feststeht, dafs man von S. Dysibod im zwölftenJahrhundert noch nichts als den Namen wufste, dafs dann die NonneHildegard nach angeblichen Visionen seine Geschichte schrieb, dievon chronologischen Widersprüchen strotzt, so sollte man dochdenken, dafs niemand dieses Märchen ferner als Geschichtsquellebenutzen werde. Und dennoch machte Remling in seiner Geschichteder Bischöfe von Speier davon Gebrauch, obgleich ihm RettbergsWerk nicht unbekannt war. Jedem besonnenen und gewissenhaftenForscher aber gewährt dieKirchengeschichte Deutschlands" einefeste Grundlage für die Beurtheilung dieser Zeiten. Das VerfahrenRettbergs besteht darin, dafs er die Entstehung der Legenden genauuntersucht und nachweist, wie sie allmählich gewachsen sind, wieanfangs nur die Namen der Heiligen vorkommen, von denen einigewenige auf wirklich alter localer Verehrung beruhen; wie dann zuersteinzelne Umstände, dann allmählich mehr hinzugesetzt wird, bis dieganze Geschichte fertig ist. Die Legenden selbst sind grofsentheilsohne Zeitangaben über ihre Abfassung; einen ganz bestimmten Anhaltaber gewähren die Martyrologien 2 ), deren Verfasser bekannt sind,und die uns daher das allmähliche Anwachsen der Legenden aufdas deutlichste und bestimmteste erkennen lassen. Dafs aber solche

Karls des Grofsen. Vgl. jetzt auch Hauck, Kirchengesch. Deutschlands bisBonifaz. Leipz. 1887.

_ ] ) Vgl. die Worte von Waitz in den Gott. G. A. 1855, S. 274: Esist hier geschehen, was manchmal geschieht und die Leute beruhigt: manhat zeitig die besonders groben und anstöfsigen Behauptungen entfernt,und dann gemeint, dafs das, was allenfalls wahr sein könnte, nun auchAnspruch habe, wirklich dafür zu gelten, während die wahre Kritik aner-kennt, dafs ein solches Abhandeln bei Sage und Erdichtung meist geradeam allerwenigsten zur historischen Gewifsheit führt.2 ) S. über diese § 3.