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1 (1893)
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39
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Christliche Legenden. 39

gänzlich von der Erde -verschwunden; dagegen hat sich aber dieVerehrung eines Märtyrers, des heiligen Florian, wie es scheint durchhlofse Tradition, unmittelbar an der alten Grenze erbalten.

Denn mit den römischen Legionen und Handelsleuten -war auchin diese Gegenden schon frühzeitig das Christenthum eingedrungen,und als das alte Reich endlich den stets wiederholten Angriffenerlag, hatte die christliche Kirche bereits in allen Provinzen die un-bestrittene Herrschaft errungen. Ueber diese frühesten Zeiten derKirche in Deutschland, über ihre Glaubensboten und Blutzeugen,wufste das Mittelalter gar vieles zu erzählen; unmittelbar von denAposteln und ihren ersten Schülern sollte die Predigt und die Stif-tung der Bisthümer ausgegangen sein 1 ). Es ist darüber eine soreiche Litteratur vorhanden, und diese Erzählungen nehmen in denChroniken des Mittelalters eine so bedeutende Stelle ein, dafswir sie hier nicht ganz übergehen dürfen, wenngleich diese kirch-liche Sage in noch weit höherem Grade als die weltliche, jedesfesten Bodens entbehrt. Die Phantasie der Geistlichkeit, der Helden-sage abgewandt, ergriff mit um so gröfserem Eifer die kirchliche,und aus den unscheinbarsten Anfängen erwuchsen da die wunder-barsten Gebilde: weit verzweigte, mit allen Einzelheiten ausgeführteGeschichten, welche sich immer üppiger entwickelten und auf dieganze Denkweise der Menschen den gröfsten Einflufs gewannen. Denreichsten Baum der Dichtung trieb die Legende von der thebäischenLegion, von deren Führern Gereon in Cöln mit der heiligen Ursulaund ihren 11,000 Jungfrauen zusammentrifft. Cöln wird nun vor-zugsweise die heilige Stadt durch die Menge der Heiligenleiber,welche sie bewahrt, aber fast jeder Ort im Rheinthale hat seinenAntheil an dieser Geschichte und erhält dadurch eine geheimnifsvolle"Weihe. In anderen Gegenden sind mehr vereinzelte Legenden dieserArt, doch fehlen sie auf dem einst römischen Boden nirgends.

Der leider zu früh verstorbene F. "W. Rettberg hat das grofseVerdienst, zum ersten Male alle diese Erzählungen einer zusammen-hängenden, systematischen, strengen Kritik unterzogen zu haben 2 ).

1 ) Die Kritik der gleichen Nachrichten in Frankreich und Nachweisdes allmählichen Auswachsens der Legenden, in: Origines de l'Eglise deTours, par M. l'abbe C. Chevalier (T. XXI des Memoires de la Soeietearcheologique de Touraine) Tours 1871. Vgl. die Anzeige von Monod,Revue crit. 1872. Tome II, p. 8488. Ferner die Kritik von Aübe überdas Buch von Dom Chamard: Les eglises du monde Romain. Revue hist.VII, 152164, u. jetzt vorzüglich: Memoire sur l'origine des dioeesesepiscopaux dans l'ancienne Gaule, par M. l'abbe Duehesne, Paris 1890.(Mem. de la Soc. nat. des Antiquaires de France, Tome L).

2 ) Kirchengeschichte Deutschlands, 2 Bde. 8. 1848, bis zum Tode