I. Zur Entstehungsgeschichte des Textes. 3
Beichtiger aufgezeichnet und einem gelerit man prediger ordins über-antwortet sein will, zu einer Zeit, da seine Seele aufs innigste erfülltwar von dem heißen Begehren, die Marter des Herrn an seinem eigenenKörper zu empfinden. Er veröffentlichte diese scJirift, nachdem er,in eine schwere Krankheit gefallen, Christus vor die Alternative ge-stellt hatte: machst du mich bald gesund, so werde ich die Geschichtedeines großen Leidens ans Licht bringen, andernfalls werfe ich dieSchrift ins Feuer. Die Frucht seiner plötzlichen und von wunderbarenUmständen begleiteten Genesung ward demgemäß die Bearbeitung undVeröffentlichung dieser Schrift.
Imvieweit oder ob überhaupt dieser Veröffentlichungsbegründungirgendwelche Realität zukommt, bleibt eine offene Frage; wohl aberwird man an einer in der Ekstase gesehenen und empfundenen Visioneiner frommen Frau von dem Verlauf der Passionsgeschichte als demAusgangspunkt des Berichtes nicht zu zweifeln brauchen.
Hier wäre gewissermaßen das Skelett gewesen, das dann der ersteAufzeichner und später der gelerit man prediger ordins — wenn nichtvielmehr beide eine Person waren — mit Fleisch und Blut erfüllthätten.
Das ethische Ziel des Traktats ist die Hervorrufung lebendigenMitleids mit den seelischen und physischen Qualen des Gottmenschen,mit der Seelennot der Mutter: dort die Agonie in Gethsemane unddie realistische, blutrünstige Darstellung der Gefangennahme, der Geis-seiung und Kreuzigung, hier die weichen, gefühlsbetonten Marien-szenen, die Mutter unter dem Kreuze, bei der Grablegung {Daz clagin[daz sie] da beging vfi das gebaren daz Re da hatte daz yn can nyemanmit worthin füllen bregen noch gefagin, daz gedencke ey ieclich getruweh s cze telbir 17 r ), beim Besuch des Sohnes (Owe wie mit großer freudendie müder das Teint ane fach 18 v ). — Hingebung an den leidendenMenschensohn aus Mitleid und Liebe und an die vom Schwert desSchmerzes zerrissene Mutter als notwendiger Durchgangsweg der Seelezur unio mystica ist ja auch der Ton, auf den Heinrich Susos weit-verbreitetes „Büchlein der ewigen Weisheit" abgestimmt ist und ebensodes Karthäusers Ludolf v. Sachsen „Leben Christi". Zu den literarischenProdukten der nach-eckehartischen, gefühlsbetonten Mystik wird man