VI Vorwort.
(Euphorion Band 25 und 26) krönen zu können. Da erlag er mitten im rüstigstenSchaffen am 21. Juni 1928 plötzlich einem Schlaganfall. Tief beklagen seinenVerlust alle, die sein unermüdliches Wirken an der monumentalen Luther-Editionkennen, das im Laufe von 22 Jahren trotz unsäglichen Schwierigkeiten nichtweniger als 47 Bände betreut und zum Abschluß gebracht liat. Auf das innigsteund schmerzlichste trauern um ihn jene, die ihm menschlich nahe standen undseine gütige, wahrhaft ritterliche Persönlichkeit, die selbstlose Sachlichkeit undedle Treue seiner gelehrten und lehrenden Tätigkeit wie seines Lebens aus un-mittelbarer Beobachtung verehrten und liebten.
So tritt nun dieser doppelt verwaiste Band der Deutschen Texte als Torsoin die gelehrte Welt. Zwar das Glossar und die Register hatte Drescher im wesent-lichen schon hergestellt. Die Einleitung aber hinterließ er als Bruchstück.
Die Iiilfsarbeiten, die sich als notwendig erwiesen, um Glossar undRegister zu ergänzen und druckfertig zu machen, namentlich aber um die Einleitungsoweit abzurunden, daß sie den unabweislichen Ansprüchen der Leser genügenkann, übernahm unter meiner Leitung und nach meinen Weisungen HerrDr. Hans Bork, ein Schüler Gustav Roethes. Natürlich mußten wir — und dieswar auch die Ansicht der Deutschen Kommission — darauf verzichten, die Ein-leitung so auszugestalten, wie es der verewigte Verfasser geplant und dringendgewünscht hatte. Aber seine letzte selbständige wissenschaftliche Leistung wirdauch so, hoffe ich, obgleich nicht ganz ausgereift und leider die eigentlichen Ab-sichten und Ziele des zu früh Abberufenen nicht voll zum Ausdruck bringend, alsein wertvoller Beitrag gelten dürfen zur tieferen Einsicht in die sprachliche undliterarische Entwicklung wie in den Geisteszustand Deutschlands während desfünfzehnten Jahrhunderts vor allem in jenen Kreisen Bayerns, die noch von mittel-alterlichem Denken und Geschmack, von mittelalterliclien Überlieferungen be-herrscht, für die modernere französisch-italienische Bildung wie für den von Süd-osten einbrechenden neuen Humanismus Italiens kaum eine gewisse, leise Emp-fänglichkeit besaßen. Und so möge denn der vorliegende Band der DeutschenTexte, der eine ungewöhnlich lange und schmerzliche Geschichte hat, wohlwollendeAufnahme finden als ein doppeltes Totenopfer: für Gustav Roethe und für KarlDrescher.
Berlin-Grunewald, in der Osterwoche 1929.
Konrad Burdach.