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Lehrbuch der Geburtshülfe für Ärzte und Studierende
Entstehung
Seite
748
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748 Die sandulirförmige Umschnürung.

Eingehen mit der Hand zunächst ohne Mühe durch den untersten, dehnbarenAbschnitt der Gebärmutter vordringen kann. Es ist dies der inter partum ge-dehnte Theil, also Cervicalkanal und unteres Uterinsegment. Dann begegnet dieHand einem grossen, unnachgiebigen Widerstand, einem Ring, über welchem eindurchgeführter Finger die Placenta und eine Erweiterung fühlt. Dies gibt inder Phantasie das Bild der Sanduhrform.

Dieser Ring ist der Con tr act ionsring, welcher bei den Zusammen-ziehungen enger ist, aber in der Regel durch eine beruhigende, erschlaffendeMedication und bei Vermeidung ungestümer, gewaltthätiger Dehnungsversuchenach einiger Zeit nachgiebig wird. Es braucht nur ein Mittel wie Chloroformbis zur tiefsten Narcose eingeathmet zu werden, so ist die Sanclulirform ver-schwunden und die reguläre, manuelle Nachgeburtslösung möglich. In derselbenWeise wirken protrahirte warme und heisse Bäder.

Auch die verschiedenartigen Dilatatorien, kurz alles Denkbare zur Ent-fernung des Jaucheherdes auf natürlichem Wege, muss in tiefer Narcose versuchtwerden. Es wird sehr, sehr wenig Fälle geben, wo man damit nicht zum Zielgelangt.

Ein Ausnahmsfall seltenster Art, ein Unicum bisher, ist von B. S. Schultze : )beschrieben worden. Um des hohen Interesses willen wollen wir die Veröffent-lichung kurz referiren. Eine 21jährige Primipara hatte mit 7 Monaten geboren. DiePlacenta blieb zurück. Die Hebamme versuchte die Entfernung derselben durchZug am Nabelstrang mi£ dem Erfolg, dass sie denselben abriss. Ein hinzu-gerufener Arzt fand den Uterus am Fundus auffallend zweitheilig, konnte aberdurchaus nicht zur Nachgeburt gelangen. Am folgenden Tag war der Zugangnicht freier. Es wurden in Schultze's Klinik warme Bäder, constanter Strom undtiefe Chloroformnarcose angewendet, ohne den engen Geburtskanal nachgiebigerzu machen.

Am 4. Tag wurde wieder in Chloroformnarcose ein Versuch unternommen.Es zeigte sich die Gebärmutter zweihörnig; im rechten Hörn sass die Placenta.Wegen zunehmender Fäulniss der Placenta, wegen Fiebers, oft wiederholter Schüttel-fröste entschloss sich Schultze am 7. Tag p. partum zur Entfernung des leben-bedrohenden Jaucheherdes durch die Laparotomie. Es wurde eine Hysterectomienach Porro resp. nach Hegar ausgeführt und damit die Kranke geheilt. Schultzebeschreibt selbst die Indicationen zu einem so energischen Vorgehen folgender-massen:

1) es muss eine fortwirkende Quelle der Infection im Uterus erkannt sein,eine Quelle der Infection, der auf genitalem Wege nicht erfolgreich beizu-kommen ist;

2) es muss im Uterus die einzige Tod drohende Quelle der Infection er-kannt sein;

3) weiter centralwärts schon deponirte Herde septischer Infection, alsoThrombosen und Embolieen müssen mit Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen sein.

Die Ausführung der manuellen Lösung.

Man zieht den Nabelstrang leicht an, damit er zur Leitung diene,legt die andere Hand conisch wie zur Wendung zusammen und führtsie unter leicht rotirenden Bewegungen ein. Das Chloroform ist zuempfehlen, aber nicht absolut nothwendig. Der Schmerz ist gross,aber von nicht allzu empfindlichen Frauen doch zu ertragen.

*) Deutsche med. Wochenschr. 1886. Nr. 44. S. 769.