Die künstliche Lösung der Nachgeburt. 747
Kilian, die Aufschluss geben soll, ob actives oder passives Verfahrenbessere Resultate erzielen könne, ergab auf 285,611 Geburten 2170Störungen in der Nachgeburtszeit. 2121 wurden nach der activenMethode behandelt, 206 von denselben starben, also 9,2 c [o oder 1:10,3.Von den 49 restirenden, die nach der passiven Methode behandeltworden, starben 31 = 63 °/o oder 1 : 1,6.
Kilian fügte als Bemerkung hinzu, dass sich durch die activeMethode noch viel bessere Resultate erzielen lassen würden, wenn mansie in einer grösseren Reinheit — sollte wohl heissen Reinlichkeit —zur Ausübung zu bringen wüsste. Ganz gewiss ist von der strengstenAntisepsis eine wesentliche Besserung dieser ausserordentlich schlechtenSterblichkeit zu erwarten.
Die passive Methode ist also nach den Resultaten eine ins Ueber-mass getriebene Unthätigkeit. Sie gipfelt darin, dass es nur 2 Indi-cationen zur künstlichen manuellen Lösung der Placenta gebe: Blutungund Fäulniss der Nachgeburt.
Nach den heutigen Lehren über Sepsis und Septichämie hoffenwir ohne Begründung dies als einen überwundenen Standpunkt be-zeichnen zu können. Wenn wir auch die erstere Indication als voll-gültig anerkennen, so halten wir die zweite als ein Spiel mit der Ge-fahr. Die Fäulniss der Placenta bringt die Wöchnerin dem Verderbennahe — unsere Aufgabe ist also, der Fäulniss zuvorzukommen.
Man macht sehr bald die Beobachtung, dass, wenn die Placentaauf die Expression nicht folgt und auch eine Wiederholung nach1—2 Stunden keinen Erfolg erzielt, die Placenta nicht mehr in kurzerZeit ausgestossen wird. Dann ist es unsere Pflicht, sie zu lösen,immer natürlich mit ängstlicher Beobachtung der Antisepsis.
Dass man aber in Rücksicht auf die hohe Gefahr der Infectiondie Lösung erst unternehmen darf, nachdem man sich von der Unmög-lichkeit der Expression überzeugt hat und auch erst nach Ablauf einigerStunden, haben wir schon begründet.
Man kommt übrigens nicht häufig in die Lage, bloss wegen derzu langen Zeitdauer die manuelle Lösung der Placenta machen zumüssen, weil ziemlich regelmässig nach starken ExpressionsversuchenBlutungen beginnen.
Dass eine Nachgeburt von Seiten eines zugezogenen Arztes je zurück^gelassen werden könnte, ohne die äussersten Anstrengungen zu ihrerEntfernung voran gemacht zu haben," sollte man in Heutiger Zeit nichtmehr für möglich halten; denn selbstverständlich gehen die betreffenden Wöch-nerinnen mit der grössten Wahrscheinlichkeit durch Jauchung der Placenta undResorption der Jauche in einigen Tagen septisch zu Grunde. Dies sind Aus-nahmen, wo die Placenta Monate hindurch unverändert zurückbleibt. Doch dieseUnterlassungssünde kommt vor, wobei dann zur Entschuldigung des unglaublichenGehenlassen der Gebärmutterkrampf — die berüchtigte „sanduhrförmigeUmschnürung" — angegeben wird, weil dieselbe die manuelle Lösung derPlacenta unmöglich machte.
Diese sanduhrförmigen Stricturen sind gewöhnlich nichts anderes als eineTäuschung. Das Gefühl derselben entsteht dadurch, dass der Geburtshelfer beim