746 Die künstliche Lösung der Nachgeburt.
III. Klasse:
Die künstliche Lösung der Nachgeburt.
Nach dem, was wir bei der gewöhnlichen Behandlung normalerGeburten insbesondere bei der Leitung der Nachgeburtsperiode gesagthaben, können wir uns hier kurz fassen.
Die gewöhnliche Hülfe bei Verhaltung der Nachgeburt sei derCrede'sche Handgriff. Wenn derselbe nicht gleich auf den erstenDruck erfolgreich ist, so warte man ruhig einige Zeit und versuchedie Expression nochmals. Kommt keine Blutung, so hat die Heraus-beförderung durchaus keine Eile. Aber durch einen gewaltthätigen undtrotzdem erfolglosen Expressionsversuch löst sich gewöhnlich ein Theilder Nachgeburt und aus der entsprechenden Haftfläche beginnt eszu bluten.
Wo keine Blutung eintritt, kann man länger zusehen. Für denPractiker ist es hauptsächlich von Bedeutung, wie lange man wartensoll und was zu befürchten ist, weun man zu früh eingreift oder end-lich, welche Gefahren das verspätete Operiren mit sich bringt.
Es gibt keine geburtshülfliche Operation, bei der die Versuchungso nahe liegt, um der eigenen Bequemlichkeit willen zu operiren, weildas längere Warten lästig ist, wie bei dieser. Von Seiten der Kreis-senden und ihrer Angehörigen ist jeder Widerspruch aufs leichteste zubeseitigen, wenn es gilt, „fertig zu werden" und wenn man dabeinicht weh thut. Und auch die Angst vor den Schmerzen löst sich beiAnwendung von Chloroform in Wohlgefallen auf.
Aber die Mortalitätstabelle wird dem gewissenhaften Arzt einewohlbedachte Reserve auferlegen, denn die Placentarlösung ist die alier-gefährlichste geburtshülfliche Operation. Während nach Hegar 1 ) dieMortalität am Kindbettfieber
bei der manuellen Extraction 0,7 °/o,
bei der Zangenoperation . . 2,2 °/o,
bei der Wendung .... 5,3 °/o
beträgt, ist sie bei der Placentarlösung sogar 7 °/o! d. h. von 14 Ope-
rirten stirbt eine.
Wenn man auch beifügen muss, dass diese Statistik aus Zeitenstammt, wo an eine Desinfection bei Geburten in Privathäusern nichtgedacht wurde, so ist doch das Verhältniss zu den anderen Operationenbemerkenswerth genug. Dass die Infection bei der Placentarlösungam allerehesten möglich sei, ist leicht erklärlich, weil man mit derganzen Hand eingehen muss und die septischen Stoffe direct auf diePlacentarstelle einimpfen kann. Eine andere Zusammenstellung von
*) Die Sterblichkeit während Schwangerschaft etc. Freiburg 1868.'