Der Sohamfugenschnitt. 743
Der Schamfugenschnitt (Symphyseotomia, Synchondrotomia).
Literatur.
Harris, R. P.: The revijpal of symphyseotomy in Italy. Amer. Journ. ofmed. sc. Jan. 1883, wonach in den letzten 17 Jahren in Italien mehr Symphyseot.gemacht worden sind, als in ganz Europa in den vorangegangenen 80 Jahren.
Diese Operation gehört zu den obsoleten und wird nur des histo-rischen Interesses wegen erwähnt.
Man versteht darunter eine kunstgerechte Trennung der Scham-beinfuge bei Kreissenden. Ihr Zweck ist ausschliesslich, bei engemBecken Raum zu schaffen.
Die Idee ist falsch und wir werden hier die Begründung aus-führlich angeben, warum man auf diese Weise nicht vorgehen darf,um der Wiederkehr obsoleter Vorschläge in alter oder modificirterForm vorzubeugen.
Der erste Vorschlag zu dieser Operation wurde im Jahr 1768gemacht von Sigault, damals noch Student. Die Academie de Chi-rurgie übertrug den Bericht einem Referenten zur Prüfung und ob-schon dieser, sowie die gesammte Academie sich gegen die Operationerklärte, liess sich der Urheber des Gedankens von seiner Idee nichtabbringen. Trotz der absprechenden Urtheile wurde die Symphyseo-tomie am 1. Oct. 1777 an einer Lebenden zur Ausführung gebracht.Die Unglückliche (Frau Souchot), welche hier als Probeobject dienenmusste, ist zwar von der Verletzung genesen, behielt aber eine Fistel<ler Harnröhre zurück, weil diese während der Operation vom Messergetroffen worden, behielt auch unwillkürlichen Harnabüuss, einen Vor-fall der Scheide und des Uterus und einen watschelnden, unsicherenGang auf Lebenszeit. Und trotz dieses Misserfolges fand die Symphyseo-tomie Nachahmung, so dass bis zum Jahr 1849 circa 65 Operationenbekannt geworden sind. Von diesen sind 44 Mütter am Leben ge-blieben — also 21 gestorben und nur 24 Kinder gerettet worden.
Die Operation wurde auf dem Querlager ausgeführt. Dann kamein starker Katheter in die Harnröhre mit dem Auftrag, die Harn-röhre möglichst stark nach links zu ziehen und unverändert in der-selben Position zu halten. Der Operateur trat zwischen die Schenkel■der Kreissenden und schnitt durch den -glattrasirten Mons venerismöglichst genau in der Mitte bis auf den Knochen durch. Der Schnittsollte namentlich die Clitoris vermeiden, weil deren Verletzung sehrschmerzhaft ist. Nun folgte die Durchschneidung der Ligg. anu-lare und arcuatum ossium pubis und schliesslich die des eigentlichenKnorpels. Diese Schnitte mussten sehr vorsichtig geführt werden, umnicht unversehens bis in die tiefer liegenden Organe, die Blase unddie Harnröhre, zu schneiden.
Sehr schlimm war es, wenn die Schamfuge verknöchert war. Esblieb nichts anderes übrig, als sie durchzusägen, entweder von vorn