{334 Die atypische Zangenoperation.
besteht, die Zange anzulegen, vor der Perforation doch einen Versuch mit derselbenmache: Nevertheless in all these cases, the forceps ought first to be tried.
Derselbe Unterschied, der sich bei der Lehre zwischen dem französischenund dem englischen Meister ergibt, pflanzte sich auch auf die entsprechendenNationen fort. L e vr e t war kühner, S m e 11 i e vorsichtiger — die Franzosen wagtenmehr und suchten eine Ehre in kunstfertiger Geschicklichkeit —■ die Engländerwurden immer starrer in den conservativen Grundsätzen. Ihre Zangen wurdenkürzer und kleiner und nur noch in den leichtesten Fällen, nur noch für unseretypische Operation brauchbar. Selbst der Grundsatz des ohnehin schon conser-vativen Smellie, doch wenigstens vor der Perforation des Kindes einen Versuchmit der Zange zu machen, verlor sich. Man wartete bis ad ultimum und kannte,wo die Zange nicht möglich war, nur die Perforation als Hülfsmittel. Man kannim Ganzen viel sagen gegen diese extreme Richtung — die Resultate der Engländersind aber in Rücksicht auf die Frauen- und Kindersterblichkeit mustergültig.Wir müssen allerdings auch hier der Vermuthung nochmals Raum geben, dassBeckenverengerungen in England seltener seien als z. B. in Deutschland. Des-wegen sind die Zahlen nicht ohne weiteres zu vergleichen.
Die deutschen geburtshülflichen Schulen standen anfangs durchwegs unterdem Einfluss der Franzosen. Als nach Gründung der grossen Gebäranstalten —besonders in Wien — sich eine eigene Lehrmeinung gründen konnte, wurde auchda in Wort und Schrift mehr für ein conservatives Verfahren plaidirt. Es istallerdings für Deutschland die verschiedene Beeinflussung zu erkennen, indem aufdeutschen Entbindungsanstalten eine bunte Abwechslung bestand. In den kleinenUniversitätsentbindungsanstalten, wo sehr viel lernbegierige Schüler waren undsehr wenig Geburten vorkamen, wurde das höchste geleistet, was an Operations-frequenz bekannt ist.
Die Engländer verabscheuten die Zangenoperation am hochstehenden Kopf,die Franzosen übten sie, und in den deutschen Entbindungsanstalten ging es inden einen so, in den anderen anders zu. Als erster Autor, der bei einem überdem Beckeneingang stehenden Kopf die Zange angelegt hat, wird Rö derer 1 )genannt. Auf diesen kamen Solayres de Renhac, Deleurye 2 ), Coutouly,Baudelocque 3 ). Damit ward in' den französischen Schulen einer kunstvollscheinenden Operationsmethode das Wort geredet, die in ungeschickten und rohenHänden sehr oft entsetzlich geschadet hat.
Wie wir schon angedeutet haben, kam Boer in Wien durch eigene Beob-achtung wieder zu viel conservativeren Grundsätzen. Er war damit in Deutsch-land epochemachend und man ist ganz allgemein in Deutschland seinen Lehrengefolgt. Ueber die Application der Zange am hochstehenden Kopfe spricht ersich dahin aus 4 ): „Wirklich gelingt zuweilen die Operation mit dem Forceps, woman es nicht wohl vermuthet hatte. Man muss aber auch in so zweifelhaftenFällen die Sache für weiter nichts als einen Versuch angeben und sie auch nichtanders betreiben. Gelingt die Anlegung oder der Gebrauch des Instrumentes nicht,so sei man wenigstens so human, das Wesen eher zu endigen, als bis dadurchgeschadet worden ist."
Neuerdings bemühen sich mehrere der englischen Lehrer, von der extremenZurückhaltung ihrer Landsleute abzurathen, die etwas längeren Zangen, welche aufdem Continent gebräuchlich sind, zu benutzen, und die Kinder nicht ohne einen Ver-such der Rettung zu perforiren. Unter denen, welche sich besonders für das mehractive Vorgehen interessiren, nennen wir Barnes.
*) Ej. Opuscula rnedica etc. Obs. I. p. 206 seq.
2 ) Traite des accouchements, p. 337. 338. §. 793 u. ff.
3 ) Traite des accouchements, T. II. p. 28. 29. §§. 1648. 1649.") Boer, Bd. III. p. 118.