Die atypische Zangenoperation am hochstehenden Kopf. 633
Dies sind die allgemeinen Grundsätze. Die Schwierigkeiten unddie Bedeutung des Eingriffes sind wesentlich abhängig von dem Graddes Hochstandes. Für jeden Fall von Hochstand des Kopfes ist einconservatives Verfahren viel eher mit gutem Gewissen zu empfehlen,als die Zulässigkeit der Zangenoperation, denn für die Mütter sind dieResultate entschieden viel besser, als bei geschäftigem Operiren.
Während Fritsch bei der gewöhnlichen Zange eine Mortalitätfür die Mütter von 1,1 °/o und für die Kinder von 4,0 °/o berechnete,stellte sich das Verhältniss bei den Zangen am hochstehenden Kopffür die Mütter auf 4,7 °/o, für die Kinder auf 52 °/o.
In der Ausführung der Zangenoperation am hoch-stehenden Kopf sind nur wenig Verschiedenheiten gegenüber dergewöhnlichen. Zur Lagerung empfiehlt sich ein hohes Querbett.Nirgends passt bei geburtshülflichen Operationen so gut wie hier dieSteissrückenlage. Es sollen also im Querbett die Beine hoch er-hoben und extrem zurückgeschlagen werden. Die Vorsichtsmassregeln,welche in den meisten Lehrbüchern ganz allgemein aufgestellt werden,müssen eigentlich nur hier genau beachtet werden. Nur hiebeikommt es darauf an, die Muttermundslippen zu decken undvier Finger zwischen Kopf und Cervixrand zu schieben, weilnur hier die Gefahr besteht, einen Theil des Saumes oder der Scheiden-schleimhaut mitzufassen und falsche Wege zu bahnen. Wir haben obenwarnende Beispiele von diesem Kunstfehler citirt (p. 622 u. 623).
Damit der Kopf seine Lage nicht immer wechsle, muss man dieHand erst einbringen und dann ruhig liegen lassen. Die andere Handführt das Zangenblatt.
Während für gewöhnlich die Löffel am leichtesten an die Seitedes Kopfes kommen, und man sie in der Seite des Beckens hinaufführt,gelingt die Application an den hochstehenden Kopf besser,wenn man anfangs die Convexität der Kopfkrümmung directgegen das Kreuzbein wendet.
Es ist auch dies eine alte Vorschrift, die aber allgemein aufge-stellt wurde und in der Allgemeinheit mindestens überflüssig ist.
Dagegen erinnere ich mich an Fälle, wo die Application auf diegewöhnliche Haltung der Zangenblätter nicht gelang.
Historische Notizen. Die älteren Autoren nahmen nur dann ein engesBecken an, wenn der Kopf über dem Eingang stehen blieb. Dem entsprechenddiscutirte man früher nie über die Zulässigkeit der Zange „am hochstehendenKopf", sondern „beim engen Becken".
Schon zwischen Levret und Smellie macht sich ein Unterschied geltend.Der erstere, welcher die Lehre von der Einkeilung — enclavement — des Kopfesaufbrachte, welche später Anlass zu sehr viel Confusion gab, erklärte sich fürdie Zulässigkeit der Zange am hochstehenden Kopf. Smellie 1 ) dagegen hieltsehr zurück und empfahl ein möglichst conservatives Verfahren. Immerhin liegtes in seinen Worten, dass man in den extremen Fällen, wenn die Möglichkeit
J ) Smellie: A Treatise of midwifery, p. 257.