Die Annäherung und das Auseinanderweichen der Griffe. 627
Dass diese Blutverdrängung dem Kind schädlich sein müsse, liegt aufder Hand. Jede stärkere Annäherung der Griffe ist also nicht mehrals Compression des quergefassten Schädels aufzufassen, sondern durcheine Drehung des Kopfes innerhalb der Zange zu erklären.
Für die Praxis ergibt sich daraus, dass bei weit auseinander-stehenden Griffen der Kindeskopf schlecht gefasst ist. Essind die Querdurchmesser von einem Schläfenbein zum anderen, zwischendem grössten und dem kleinsten Kopf lange nicht so verschieden, umbeim grösseren Kopf ein merklich weiteres Abstehen der Griffe zu er-klären. Wenn also einmal die Zangengriffe sehr weit aus-einanderstehen, so ist daraus nicht der Schluss zu ziehen,dass der Kopf sehr gross sei, sondern, dass die Löffel überStirn und Hinterhaupt liegen. Natürlich können wir hier keinMaass geben, wie weit die Zangengriffe von einander abstehen sollten,da dies bei den einzelnen Zangen verschieden ist. Aber wir haben denRath begründet, bei jeder Zangenoperation auf den Abstand zu achten.
Auf die Entfernung der Zangengriffe ist schon vor langer Zeit die Auf-merksamkeit gelenkt worden. Ja es gab Zeiten, wo man diese Entfernung beständigzu messen empfahl und dafür sog. Labimeter construirte (siehe p. 614 Anm.). Diesist des Guten zu viel — auf Millimeter kommt es dabei doch nicht an und derFinger ist vollkommen genau genug.
Etwas anderes ist die Einschaltung einer Dynamometerfeder, um den Druckauf den Kinderschädel zu messen. Wir haben schon angegeben, dass Zug amForceps und Druck auf den Kopf sich ungefähr proportional sein müssen. DerDruck auf den Kopf ist aber das wesentlichste, denn von diesem hängt das Lebenoder Sterben des Kindes ab. Durch consequente Messungen des Druckes an einemDynamometer und genaueste Controle der Herztöne könnte man das, auch für diePraxis wichtige Ziel anstreben, welchen Zangendruck ein Kindeskopf ohne Schadenertragen kann. Wir haben ein solches Dynamometer construiren lassen, das sichohne Schwierigkeiten in die Griffe einer jeden Zange einsetzen lässt. Wir ver-fügen bis jetzt nur über einige zuverlässige Messungen bei gewöhnlichen Zangen-extractionen. In einem Fall schwankte der Druck, welcher auf den Kindeskopfausgeübt wurde, zwischen 3 V* und 4 Kilo, im zweiten zwischen 3 und 3 V 2 Kilo.Beide Mal war streng darauf gehalten worden, dass die Zugkraft nur an denHaken, zunächst am Schloss, ausgeübt wurde. Die Zange, welche wir hiezu be-nützen, ist eine gewöhnliche Simpson'sche. Ich war über das Resultat er-staunt, weil ich eine grössere Druckkraft vermuthet hatte. Die Prüfungen werdenfortgesetzt.
Das Auseinanderweichen der Griffe zeigt das beginnendeAbgleiten der Zange an. Es ist die erste Warnung, nicht weiterzu ziehen, damit nicht die Zangenspitzen immer mehr und mehr folgenund beim neuen Anfassen die Orbitalränder, die Stirnbeine oder dieSchläfenschuppen drücken. Wir halten schon das Auseinanderweichender Zangengriffe für eine genügende Indication zum Neuanlegen underklären deswegen das wirkliche Abgleiten für einen kaum entschuld-baren Kunstfehler. So weit soll ein Geburtshelfer es vor den Laiennie kommen lassen, dass er mit der Zange aus den Genitalien derKreissenden herausfährt.
Wenn man mit fest angeschlossenen Oberarmen zieht, so geschiehtdies mit voller Kraft, ohne dass ein Herausfahren zu befürchten ist.