Die Theorie der Zangenwirkung. 613
Die Theorie der Zangenwirkung.
Wichtiger und lehrreicher als die Veränderungen an den Instrumentensind die Wandlungen in der Lehre, wie die Zange wirken und wann sie ange-wendet werden soll.
Das sicherste Zeichen, dass der Geburtshelfer die Zange anzuwenden habe,um die Gesundheit der Mutter zu schonen und das Kind vom Untergang zu retten,ist nach Levret's 1 ) Lehre die Entstehung einer Kopf geschwulst ameingekeilten Kopfe (sur la tete enclavee) und ein Stillstand des Kopfes,obgleich die Wehenthätigkeit nicht ganz unterbrochen, aber immerhin verlangsamtist (Wehenschwäche). Des näheren gibt Levret (1. c. § 614 und 615) noch dieMöglichkeit an, wann die Zange gebraucht werden könne:
„Der nächstliegende Fall, wo man sich sehr zweckmässiger Weise der Zange 'bedienen kann, ist gegeben, wenn die Schädelbasis noch über dem Beckenein-gang sich befindet, während das Schädeldach in der Vagina steht und derMuttermund verstrichen ist. Wenn eines dieser Verhältnisse nicht vorhanden ist, sokann der Kopf auch nicht als eingekeilt erklärt werden. In solchen Fällen sollman aber auch nicht ohne Nothwendigkeit versuchen, die Zange anzuwenden."
In der Beschreibung „Schädelbasis über dem Beckeneingang, Schädeldachin der Vagina und Muttermund verstrichen", liegen grosse Widersprüche. So vielgeht aber aus dem Citat hervoi-, dass Levret keineswegs das Anlegen der Zangean den hochstehenden, beweglich über dem Beckeneingang befindlichen Kopf empfahl.Von seinem Schüler Stein d. Aelt. kam die Lehre auf, dass die Zangeeine Entbindung erleichtere, indem sie durch Druck wirke und den Kopf desKindes verkleinere. Dies glaubte er beweisen zu können durch die Annäherungder Zangengriffe während der Operation. Das kann aber auch durch ein Federnder Zange bis zu einem gewissen Grad und durch eine Drehung des Kopfes inner-halb der Zange zu Stande kommen, wodurch dieselbe an kleinere Durchmesserdes Kopfes zu liegen kommt. Die Auffassung Stein's war falsch und leicht zuwiderlegen. Aber die böse Saat war ausgestreut und auf diese Lehre basirendwurden Instrumente erfunden, die besser in die Hände eines Grobschmiedespassen als in die eines Geburtshelfers.. Das Irrige der Druckwirkung wurde nach-gewiesen von Baudelocque 2 ) Brünninghausen 3 ) und Weidmann 4 ). Be-merkens werth sind namentlich Versuche Baudelocque's, bei denen er die Coni-pressibilität des Kinderschädels an Leichen probirte. Er fand, dass in keinemFall bei noch so starkem Druck der Kopf in der Richtung des Druckes um mehrals 4—5'" (0,9 — 1,13 cm) verkleinert werde und dass die Durchmesser, die senk-recht stehen zur Richtung der Compression, nur um V* Linie zunehmen. DieVersuche zeigten, dass eine Annäherung der Zangengriffe um mehr als 4—5 Linienanders als durch Corupression erklärt werden müsse. Bei stärkerem Druck verbogensich eher die Zangen, als dass eine grössere Annäherung zu erzielen war. NeuereUntersuchungen von Delore 5 ) und Joulin 6 ) haben in einer Beziehung dasselbeResultat ergeben. Der erstere konnte um 1, der zweite um 1,5 Linien zusammen-drücken, aber sie erreichten diese Compression an lebenden Kindern, ohne sie zuverletzen.
Selbstredend ist die einzig richtige Wirkung der Zange ein Zug.Wer würde je mit den Händen etwas anderes zu thun beabsichtigen, wenu mandieselben zum Extrahiren os an den Kopf bringen könnte, wie es Celsus anrieth.
') Levret, Art des acc. p. 108.
2 ) Baudelocque, L'art des accouchemens. 3. Edit. Paris 1796. T. IL
3 ) Brünninghausen, Ueber eine neue Geburtszange. 1802. p. 27 u. ff.
4 ) Weidmann, Entwurf der Geb. 1808. § 606. p. 205.
5 ) Gaz. hebd. 1865. Nr. 22 u. 26.
6 ) Arch. gen. 1867. p. 149 und 313.