606 Geschichte der Zange.
unmöglich. Hippokrates ') gab in dem Buche „De superfoetatione" den Rath:„Cum reliquum corpus extra pudenda, caput autem intra fuerit, si quidem foetusin pedes feratur, circumductis in orbem digitis manus ambas aqua madefactasinter uteri osculum et caput immittito et extrahito. Quod si extra uteri osculum,verum intra pudenda fuerit, manibus immissis caput apprehensum extrahito."Wegen der Unmöglichkeit, nach diesem Rathschlag zu helfen, wo es noth that,verfiel man auf die Anwendung von Bändern und Schlingen 2 ), die, um das Kindgelegt, als Handhaben dienen sollten — Vorrichtungen, welche nach Wernich'sMittheilungen noch heute unter den geburtshülflichen Instrumenten der Japaneseneine Rolle spielen.
Den Ruhm der Erfindung verdient Palfyn, weil erder erste war, der eineselbsterfundene, wenn auch noch unvollkommene Zange dem ärztlichen Publikumbekannt gab (1723). Die Zeitgenossen nannten das neu erfundene Instrument Tire-tete oder Mains de Palfyn. Diese Erfindung muss als eine originelle angesehenwerden, zu der wohl ihr Schöpfer angeregt wurde, weil in Holland schon vielvon einem geheimnissvollen Werkzeug zur Beendigung der Kopfgeburten die Redewar. Aber als originell ist die Erfindung doch anzusehen, weil das neue Instrumentsonst eine Verschlechterung der damals vorhandenen Zangen darstellen würde.
Im Jahr 1723 reiste Johann Palfyn, Professor der Anatomie und Chirurgiein Gent, nach Paris, um seine Anatomie dort drucken zu lassen, und zu dieserZeit zeigte er der Pariser Academie die von ihm erfundene Geburtszange. Levret,der im Jahre 1747 diese Nachrichten brachte, berichtet weiter, dass man ihm des-wegen das gebührende Lob spendete, als wenn er der Erfinder davon wäre. Esist ausser Frage, däss diese Worte vom Neid eingegeben waren — und beneidens-werth war Palfyn's Erfindung, trotzdem sie in der ersten Erscheinung noch sehrunvollkommen aussah. Heister, berühmter -Chirurge in Altdorf und Helmstädt,bildete in der 2. Auflage seiner Chirurgie 1724 die Zange bereits ab. Es handeltesich dabei um ein Instrument, das aus zwei neben einander gelegten Blättern mithölzernen Griffen bestand, die keine Fenster besassen und durch ein Kettchen odereine Binde gegen einander fixirt wurden.
Vor Palfyn war die Zange in besserer Form schon erfunden gewesen unddiente bei verschiedenen Gliedern der Familie Chamberlen als geburtshülflichesInstrument. InFolge einer ziemlich unbestimmten Angabe eines Chamberlen's hatteschon im vorigen Jahrhundert die Meinung geherrscht, dass das Geheimniss dieserFamilie die Zange, gewesen sei. Aber erst im Jahre 1818 wurde dies durch sehr inter-essante Befunde auf einem früheren Wohnsitz dieser Familie zur Gewissheit gebracht.
Hugh Chamberlen begab sich nämlich 1670 nach Paris, um sein Ge-heimniss dem ersten Leibarzt des Königs um 10,000 Thaler anzubieten. Er solltedaselbst für diesen Preis die Probe bestehen, bekam aber eine Kreissende mithochgradig verengtem Becken zugewiesen, an der schon Mauriceau seine Kunsterfolglos verschwendet hatte. Auch dem Hugh Chamberlen gelang die Ent-bindung nicht, ja ganz kurz nachher starb die Frau und zeigte bei der Sectionviele Verletzungen. Weil er sich zur Probe einen Fall hatte zuweisen lassen, derdafür nicht passte, hatte er mit seinem Instrument in den Augen der französischenGeburtshelfer durchaus kein Vertrauen erwoi'ben, und ohne seinen Zweck erreichtzu haben kehrte Chamberlen nach London zurück. Dort verlegte er sich aufdie Uebersetzung von Mauriceau's Werk und trieb in London eine sehr ausgedehntegeburtshülfliche Praxis, nach Mauriceau's Angaben mit einer Einnahme von30,000 Livres jährlich. In der Vorrede zur englischen Ausgabe machte er An-
a ) Hipp okr. Opera. Edit. Kühn, T. I. p. 462. Ebenso Editio AntonioFoesio Authore 1595 etc. See. III de superfoetatione p. 42.
2 ) Hier. Mercurialis, Demorbis muliebribus, Venet. 1591. 4.L. II. cap. III.p. 67 und Isr. Spachii, Gynaeciorum etc. Libri p. 236: Si manibus non potestobstetrix educere fascia circumligetur foetus corpus, atque ita paulatim educatur.Si vero hoc non succedat, habent obstetrices quaedam tenacula, quibus circumligantpannos, ne laedant vel offendant foetum, iisque educant.