Kritik der verschiedenen Wendungsniethoden. 583
Die Vermeidung jeder Gewalt lieben wir nochmals her-yor; sollte man je die Gewebe unter der Hand auseinanderweiclienfühlen, so muss die Hand zurückgezogen werden.
Es ist ferner Grundsatz aller Autoren, die Hand direct zu denkindlichen Füssen einzuführen. Auch hier existirt ein grosserUnterschied, wenn die Wendung bei stehender Blase oder erst nachdem Fruchtwasserabfluss gemacht werden muss.
Im ersteren Falle ist es dem Princip ganz entsprechend, wennman bei genauer Kenntniss der Stelle, wo die Füsse liegen, geradenWeges auf dieselben losgeht. Wo man aber die Füsse erst in derGebärmutter aufsuchen muss, halte man sich genau an das Kind.Würden die Schenkel immer an der Bauchfläche dicht anliegen, sowäre es eher gerechtfertigt, regelmässig über die Brust- und Bauch-fläche hinaufzugreifen. Man kommt aber häufig auf diese Weise nichtleicht zu den Füssen. Sicherer leitet die Seite des Kindes. Miteiner geringen Drehung der Hand nach der Vorderfläche mussman den Oberschenkel oder das Knie u. s. w. finden.
Die Analyse der Principien zeigt, dass zwei Vorschläge, welche im Wort-laut ganz widersprechend zu sein scheinen, im Grunde doch vollständig überein-stimmen. Der Geübte und Gewandte wird auf verschiedenen Wegen das Zielerreichen. Für den Anfänger, aber auch für den praktischen Arzt, der ausser anGeburtshülfe noch an sehr viel anderes denken muss, sind bestimmte Anhaltspunkte,welche ihm gerade bei den schweren Proben seiner Kunst zur Erleichterung bei-tragen, stets festzuhalten.
Wenn wir die Vorschläge der geburtshülflichen Autoren im Einzelnen ver-gleichen, so können wir zunächst eine vollständige Uebereinstimmung constatirenzwischen unseren Angaben und denen von Nägele-Grenser.C. Braun, Schröder,Sp'iegelberg, Hüter, Fritsch, Martin u. A. Der Seitenlage räumen ziem-lich alle deutschen, französischen und englischen Autoren Vortheile ein, aber jenach der Absicht, den unteren oder den oberen Puss zu fassen, jedesmal einer ver-schiedenen. Es gibt z. B. Spiegelberg den Rath, die Seitenlage nur.anzuwendenbei den Schulterlagen mit nach hinten gerichtetem Rücken. Die Einführung derHand geschieht bei ihm vom Rücken der Frau aus und es wird der untere d. i.der zunächst liegende Fuss gefasst. Ganz ebenso sprechen sich Fritsch und diemeisten französischen Autoren, z. B. Cazeaux-Tarnier aus. Simpson, Barnesund Hubert lassen bei den dorso-anterioren Schulterlagen, ohne Rücksicht aufwelcher Seite die Füsse liegen, die Kreissende auf die linke Seite legen, undführen die linke Hand ein. Offenbar stellen sich dann die Geburtshelfer aus dieserSchule vor die Kreissende, und dem entspricht es auch sofort, dass sie den hinten-liegenden, also den oberen Fuss anziehen. Ist die rechte Schulter vorliegend, sowird auf den linken Fuss gewendet. Diese Modification basirt auf der Lehre vonJames J. Simpson, dass man durch Anziehen des oberen Fusses noch eineDrehung um die Spinalaxe des Kindes erziele, welche bewirke, dass die vor-liegende Schulter leichter aus dem Becken zurückweiche. Diesen Rath halten wirfür überflüssig, wenn man dem Grundsatz folgt, jedesmal im Beginn einer Wendungden vorliegenden Theil zuerst zurückzuschieben.
In dorso-posterioren Lagen empfiehlt Barnes, die Kreissende auf den Rückenzu bringen und mit der rechten Hand zu operiren.
Die Empfehlungen Stahl's, also die WendungsmethodeHegar's, entsprechennicht in allen, aber doch in den meisten Punkten den oben gegebenen allgemeinenGrundsätzen: Der Operateur steht bei Seitenlagerung am Rücken der Frau, wenneine dorso-posteriore Schulterlage vorhanden ist, dagegen an der Bauchfläche derKreissenden bei dorso-anterioren. Eingebracht wird immer die Hand, welche gleich-