Trennung von Wendung und Extraotion. 581
noch in seinen Grundsätzen unsicher ist und die Pflicht, nach vollen-deter Wendung die Wirkung der Naturkräfte abzuwarten, nur als verbamagistri mit sich trägt, ohne sich Rechenschaft geben zu können,warum man warten soll, dem werden gewiss niemals Anzeigen fehlen,die ihn zu sofortiger Ausführung der Extraction ermuntern. Es brauchtüberall im Leben eine gewisse Ueberwindung, wenn man nach Grund-sätzen handeln soll, deren Befolgung nicht gelegen kommt. Theoretischdarf diese Frage nicht gelöst werden, sie muss durch praktische Er-folge begründet sein. Der Grund für die principielle Trennung liegt inden zu erwähnenden Verhältnissen.
Die Wendung Avird so früh als möglich gemacht. Diese Mög-lichkeit ist bedingt durch den Grad der Eröffnung des Muttermundes.„Durchgängigkeit für die Hand" ist aber noch nicht ausreichend fürden Durchgang des Kopfes und in allen Fällen, wo bei nicht voll-ständig eröffnetem Muttermund die Extraction der Wendung un-verzüglich angeschlossen wird, setzt man das Kind zwecklos einerviel grösseren Lebensgefahr aus, als wenn man nach Herstellung derFusslage die vollständige Erweiterung des Muttermundes abwartet.Gerade beim Durchgang des Kopfes ist der kritische Moment — einnicht vollständig eröffneter Muttermund zieht sich um denHals des Kindes zusammen, hemmt die Lösung des Kopfesoder bringt, wenn dieser letzte Act der Extraction er-zwungen wird, die grösste Gefahr den Muttermundsaum undden Cervicalkanal tief einzureissen.
Das Umschnüren des kindlichen Halses durch einen nicht voll-ständig eröffneten Muttermund ist eine Thatsache und keine Theorie.Dass derselbe eine Verzögerung der Lösung der Arme und des Kopfesmacht, ist gewiss verständlich und dass jede Minute länger für dasKind im höchsten Grad verhängnissvoll ist, muss jeder Geburtshelferwissen.
Es kommt nun weiter hinzu, dass sehr häufig die Kinder wäh-rend der Wendung leiden, und der Herzschlag nach der Operation sehrverlangsamt ist. Störungen der Placentarrespiration sind die Ursachenhierfür. Gönnt man nach der Wendung dem Fötus nur eine kurze ZeitRuhe, so erholt sich seine Athmung. An der Zahl der Herztöne lässtsich dies beweisen. Wird aber ein solches dyspnoeisches Kind un-mittelbar der neuen Respirationsstörung ausgesetzt, die ihm bei keinerExtraction erspart werden kann, die aber bei einem unvollkommeneröffneten Muttermund viel länger dauert, so wird das schwache Lebens-flämmchen ganz ausgeblasen. Das Kind kommt todt oder so tief dys-apnoeisch d. h. asphyctisch zur Welt, dass es bald nach seiner Ge-burt erliegt.
Jeder Geburtshelfer kann sich von den angeführten Thatsachenüberzeugen. Wir können eigene Fälle in grosser Zahl vorbringen, wowir durch das Abwarten eine Besserung der fötalen Respiration wahr-nehmen konnten. Bei der später vorgenommenen Extraction hattenwir dann die Freude, ein lebendes Kind zur Welt zu befördern, wäh-