Geschichte der Wendung. 571
Uebersetzung: Magni Hippocratis medicorum omnium facile Principis opera oni-nia Antonio Foesio Mediomatrico medico authore Francofurti 1595, de morbis mu-lierum. Lib. I. Sect. V. p. 183.
„Qui vero condnplicantur foetus et in uterorum osculum incumbunt, eos sivevivos, sive mortuos, retro protrusos iteruni vertere oportet, ut in caput pro-deant secundum naturam. Cum autem retro protrudere aut vertere voles, supinaereclinatae molle quiddam coxis substernere oportet, atque etiam lecti pedibus ali-quid supponere, quo altiores a pedibus decumbentis esse queant. Quin etiam utcoxae capite sint altiores, nullum vero capiti cervical subsit, ad ea prospiciendum.Cum vero retro protrusus foetus huc et illuc circumagatur, sublatis lapidibus pedi-bus lecti suppositis et eo quod coxis subditum fuerat, et lectum et coxas in pristi-num statum restituito, capitique pulvinar supponito, istaque ad hunc modum cu-rato. At vero qui brachium, aut crus, aut utrumque vivi foetus foras emittunt,eos oportet simulac de exitu significationem fecerint, prius commemorato modointro retrudere, in caput obvertere, et in viam adducere. Nee non eos foetus, quicomplicati in partu, in lateris inanitatem, aut in coxam illapsi sunt, dirigere acconvertere opiortet, praetereaque in aquam calidam sedentem collocare, donec per-fundatur.
Celsus (30—14 v. Chr.) kannte die Wendung, wenn auch die dürftigeBeschreibung darauf schliessen lässt, dass er darin nicht besonders viel Erfahrungengesammelt hatte '):
Medico vero propositum est, ut infantem manu dirigat, vel in caput, veletiam inpedes, si forte aliter compositus est. An anderer Stelle schrieb er:Sed in pedes quoqüe conversus infans non difficulter extrahitur: quibus appre-hensis per ipsas manus commode educitur.
Dies ist die älteste Nachricht von der Wendung, die von römischen Aerztenwohl ziemlich allgemein geübt wurde, weil man noch mehrere spätere Nachrichtendarüber aufgefunden hat. Selbst bei Kopflagen, bei denen die Geburt zumStocken kam, ist die Wendung auf die Füsse gemacht worden. Wir besitzendafür einen Beweis in den Worten von Philumenos: Si caput foetus locumobstruxerit, ita ut prodire nequeat infans, in pedes vertatur atque educatur. Mitdem Untergang des alten römischen Reiches und seiner ganzen Cultur verschwandauch die Kenntniss von der Wendung spurlos.
Ja ein späterer medicinischer Schriftsteller (Paulus von Aegina 640—695n. Chr.) scheint die Wendung schon als abgethan betrachtet zu haben. Er schöpfteaus den Schriften des Aetius von Amida, der die Wendung beschrieb, muss alsodavon gelesen haben.
Wir können wohl daraus schliessen, dass in der Praxis die Wendung schonlängere Zeit in Vergessenheit gerathen und ausser Uebung gekommen war.
Bei den Arabern, wo wegen der strengen Trennung der Geschlechter keineGeburtshülfe getrieben wurde, und im Mittelalter der christlichen Nationen, wodie Heilkunde, so weit sie noch ein Körnchen von Wissenschaft enthielt, nur inden Mönchs-Klöstern ihr Dasein fristete, konnte erklärlicher Weise eine geburts-hülfliche Operation wie die Wendung nicht wieder erfunden werden. Wenn einerKreissenden der Tod drohte, weil die Geburt nicht. mehr weiter ging, wurdenChirurgen herbeigeholt, die zu jene» Zeiten gar nicht die Möglichkeit besassen,durch wissenschaftliche Studien die Wendung aus der Vergessenheit hervorzuholen.
Avicenna (980—1037) und Abulkasis (f 1122) kennen zwar die Wen-dung auf den Kopf und sprechen von ihr selbst bei den Fusslagen. Solche Vor-schläge lassen es als sicher erscheinen, dass diejenigen, welche die schlechten Räthegaben, nicht eigenhändig die Geburtshülfe ausgeübt haben.
Während in medicinischen Büchern aus dem 12. Jahrhundert von geburts-hülflichen Lehren keine Spur mehr zu finden ist, erseheinen in den Werken vonChauliac (f 1363), Peter de la Cerlata (lebte bis 1410) und Franz vonPiemont wenigstens einzelne der Geburtshülfe gewidmete Capitel. Es sprechen
') Ej. de Medicina. Edit. Bip. Lib. VII. Cap. XXIX. p. 489, 490.