548 Der Eihautstich.
Es ist schlechterdings gewagt, das eine Operation zu nennen, wasdie leise Berührung des Fingernagels vollenden kann. Aber Wirkungund Folgen des Verfahrens sind so wichtig, dass diese eine eingehendeBesprechung erfordern.
N*ach dem Abfluss des Fruchtwassers kann eine Spannung derBlase nicht mehr stattfinden; von vornherein kann also der künstlicheBlasensprung nur da richtig angewendet sein, wo die Eiblase ihrenZweck erfüllt hat.
Die Eiblase dehnt den Muttermund, streckt und verdünnt denCervicalkanal — sie besorgt und befördert ganz wesentlich die Er-öffnung. Diese Auffassung ist keine theoretische, ihre Wahrheit wirdvielmehr durch die vielen Fälle bewiesen, wo beim vorzeitigen Blasen-sprung der Verlauf der Eröffnungsperiode verzögert und gestört wird.
Wo der Muttermund bis auf einen Durchmesser von 6bis 8 cm eröffnet ist und ein Kindestheil anstatt der Blasedie weitere Ausdehnung besorgt, da kann ohne den geringstenNachtheil die Blasenzerreissung vorgenommen werden.
Bei einer Erstgebärenden mit normalem Becken, wo schon imBeginn der Wehen der Kopf tie*f steht, schadet ein vorzeitiger Blasen-sprung lange nicht so viel, wie bei hochstehendem Kopf, bei engemBecken.
In dem ersteren Fall dient der Kopf von Anfang an zur Streckungund Verdünnung des Cervicalkanales und bei den folgenden Wehen ziehtsich das Orif. uteri unter zunehmender Eröffnung über den Kopf zu-rück. Aber auch hier geht die Eröffnung im allgemeinen langsamervor sich. Anders bei engem Becken und hochstehendem Kopf. Dabeikann der letztere die Blase nicht ersetzen, weil die verengte Stelle desBeckens sein Vorrücken hindert, die Contractionen drängen ihn mitganzer Kraft gegen den unteren Gebärmutterabschnitt, quetschen denUterus und führen zu Krampfwehen, starken ausgedehnten Schwellungen,Durchreibung, Druckbrand u. s. w. Die Blase springt freilich in solchenFällen meist schon von selbst zur ungelegenen Zeit; um so wenigergerechtfertigt wäre in solchen Fällen, wo die Erfahrung für den Schadendes vorzeitigen Blasensprunges spricht, denselben anzurathen.
Im allgemeinen wird der beschäftigte Geburtshelfer häufig die Er-fahrung machen, dass die Hebammen mit dem Blasensprengen experi-mentiren. Die wehenerregende Wirkung, die grosse Beschleunigungder Geburt ist nicht zu leugnen, wenn die Operation zur rechten Zeitangewendet wird. Im höchsten Grade schädlich wird die vorzeitigeEihautzerreissung (d. h. diejenige bei wenig eröffnetem Muttermund)bei regelwidrigen Lagen, z. B. den Schulterlagen.
Hiedurch wird die Wendung oft auf lange Zeit hinaus unmöglichgemacht und gelegentlich kann später, wenn sich der Muttermund mehrerweitert hat, die Wendung um der Verzögerung willen recht schwierigund gefährlich sein. Bei allen solchen Fällen ist die Eihautzerreissungein grober Kunstfehler.
Das Wassersprengen ist auch empfohlen worden zum Feststellen